Brienne

Brienne

Heimat meiner Eltern und Großeltern

Inmitten eines überwältigenden Ausblicks vom „Brienner Berg“ über die kraftvolle und weite Steppenlandschaft des Budschaks, erstreckt sich die Kolonie Brienne am Steppenfluss Kogelnik.

Ein Blick auf Brienne mit Arzis im Hintergrund

Prächtige Weingärten und fruchtbare Obstgärten, rechts und links der breiten Chaussee weiße aus dem Muschelkalkstein des Brienner Steinbruchs erbaute Häuser mit weißen und schnurgeraden  Hofmauern, prägten einst das Bild der Kolonie “Brienne”.

Dahinter in greifbarer Nähe, durch den Kogelnik getrennt, liegt die Nachbarkolonie Arzis im Tale. Die häufigen Überschwemmungen des immer wieder über die Ufer tretenden Kogelniks konnten die Brienner, im Gegensatz zu den Arzisern, unbesorgt aus der Anhöhe betrachten.

Der Name Brienne sowie Arzis leitete sich von den gewonnenen Schlachten durch die Verbündeten gegen Napoleon, im Jahre 1812 ab.

Im Jahre 1816 erfolgte die Gründung Briennes. Eine baumlose Steppe, die Steppe  „Nr. 15“.

Bald schon wich der Notbehelf ihrer Erdhütten, massiven Steinhäusern durch den Abbau im eigenen Steinbruch, der Brienner Berge.

Die Einnahmen des Steinbruchs für den Hausbau ihrer eigenen Kolonie und den unmittelbaren Nachbarorten, verhalfen der Gemeinde zu einem guten Einkommen. Lehm bzw. Batzenbauten gehörten in Brienne bald weitestgehend der Vergangenheit an.

Kurganhügel in Brienne

Ein zwischen vorderer Hofmauer und Wohnhaus angelegtes Blumengärtchen schmückte ihre Häuser.

Jeder Hof hatte eine Größe von 232 m Länge und 47 m Breite. Eine Hof- und Straßenmauer zog sich vor der mehr als 20 Meter breiten Dorf-Chaussee von Hof zu Hof. Die Wohnhäuser mit anschließenden Wirtschaftsgebäuden, lagen nur einige Meter von der vorderen Hofmauer getrennt. Ebenso schützte eine hintere Hofmauer, den Hof vor Eindringlingen.

Außerhalb dieser rückwärtigen Umzäunung befand sich der Dreschplatz, die Spreuhütte, der Strohschober , der Gemüse- und Obstgarten- sowie in Hanglage der Weingarten.

Von der Akazien gesäumten 2,5 Km langen Chaussee führten Wege in die Nachbarkolonien Pawlowka, Teplitz und über den Berg in die Tochterkolonie Neu Brienne.

Mit ihrem Steinbruch besaß die Gemarkung Brienne 5560 Hektar Land, sodass die ersten 84 Ansiedlerfamilien jeweils 60 Hektar Land erhielten.

Weitere Infos finden Sie hier: https://www.bessarabien.blog/bessarabiendeutschen

Die Anhöhe Briennes bot alle Voraussetzungen für einen guten Obst-  und Weinanbau. Ebenso spielte die Pferdezucht eine ausschlaggebende Rolle und war wirtschaftlich lukrativer als die Landwirtschaft.  Man sagte, nur von den Friedenstalern konnte die Pferdezucht übertroffen werden.

Durch den wirtschaftlichen Umschwung nach dem Ersten Weltkrieg, konnte Brienne durch die Züchtung vom graublauen Steppenrind auf das das Rassevieh eine beträchtliche Neueinnahme verzeichnen.

Mit dieser Entwicklung konnten die Brienner die Milchproduktion enorm steigern und damit den Weg zur Gründung der Molkerei- und Milchgenossenschaft „Danemarka“ ebnen. Mein Großvater, Eduard Schell aus Brienne, war im Nebenerwerb als Landwirt Angestellter dieser Molkerei.

Aber auch im Handwerk verzeichnete Brienne einen wirtschaftlichen Aufschwung. Dreizehn Tischlereien, vier Schmieden, drei Schlossereien, acht Schuster, sieben Schneider, sechs Maurer, drei Böttcher, einen Drechsler, einen Uhrmacher und zwei Kolonialgeschäfte konnten die Brienner im Jahre 1940, ihr Eigen nennen. Mit einem Spaziergang in den zwei Kilometer entfernten Marktflecken Arzis, erledigten die Brienner alle notwendigen Einkäufe auf die Schnelle.

Im Jahre 1839 begannen die Brienner mit dem Bau ihrer ersten Kirche.

Allerdings musste, mit dem Ausbruch der Pest, dieser Bau bis zum Jahre 1849 zwangsläufig unterbrochen werden. Erst im Jahre 1852 fand die Einweihung statt. Nur leider war ihre Kirche, durch die zwischenzeitlich stark angewachsene Bevölkerung, schon wieder zu klein.

Ein neuer Kirchenbau war finanziell nicht möglich. Die Kolonie musste vorrangig in ein neues und größeres Schulgebäude investieren. In ein allen Anforderungen entsprechendes Schulhaus, im Jahre 1904, flossen ihre mittlerweile angesparten 9000 Rubel aus dem Kirchenbaukapital. Ein Erweiterungsbau auf dem Schulhof, die Küster- und Küstergehilfenwohnung, wurde von der Gemeinde im Jahre 1908 fertiggestellt.

Erst im Jahre 1934 wurde in Brienne der Grundstein für einen großen und teilweise im gotischen Stil gehaltenen Kirchenneubau gesetzt. Der Rohbau mit den eingesetzten Fenstern war mit 1,5 Millionen Lei abgeschlossen.

Dann kam die Umsiedlung!

Als Hauptgemeinde gehörte Brienne, seit der Gründung des Kirchspiels, zu Arzis. Bis heute ist die Schule Briennes, in der Dorfmitte eine Augenweide. Die alten Dielenbretter, der alte Ofen im Klassenzimmer und der Nuschnik auf dem Schulhof, “deutsche Geschichte”. Die heutige Bevölkerung setzte sich für für den Erhalt dieses wunderschönen Gebäudes ein. Einst von meinen Ahnen erbaut, lehren sie dort auch heute ihre Kinder. Sie gaben dem Gebäude einen hell leuchtenden Anstrich.

Auf einer Anhöhe oberhalb des Gässles liegt der ehemalige deutsche Friedhof. Verborgen zwischen hohem Gestrüpp und Buschwerk befinden sich die Gräber meiner Ahnen. Einige Grabsteine liegen verstreut am Abhang. Über die Jahrzehnte hat die Witterung die Lesbarkeit der Inschrift beeinträchtigt, aber nicht unmöglich gemacht.

Sehr viele Häuser haben durch den soliden Steinbau die Zeit gut überlebt. Mit einem Brienner Ortsplan ist es kein Problem die ehemals deutschen Anwesen den früheren Besitzern zuzuordnen.

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Kultur

Kultur in Bessarabien. Blick von Brienne auf Arzis.Ausblick auf Arzis, Bessarabien

Kultur und Sprachgebrauch

Deutsche Kultur und Sprachgebrauch in einer fremdstämmigen Umgebung, waren von entscheidender Bedeutung und überlebenswichtig für unsere Vorfahren in Russland. Bei ihrer Ankunft ab dem Jahre 1814 in Bessarabien, trugen sie diese Werte fest verankert in ihrem wenigen Reisegepäck. Das Erlernen der 1.)russischen und 2.) rumänischen Sprache sicherte das Überleben ihrer eigenen Kultur in ihrer Erkenntnis und Anpassungsfähigkeit. In ihrer 125-jährigen Siedlungsgeschichte, über fünf Generationen, bewahrten sie ihr mitgebrachtes Kulturgut – mehr noch – es erwies es sich als hilfreich bei ihrer opfervollen – aber dennoch unter allerschwersten Belastungen gelungenen Integration. Auch als Seelentröster für unsere Ururahnen in der Fremde, erwies sich Ihre deutsche Muttersprache – bei dem immer wieder aufflammenden Heimweh nach Zuhause, als sehr liebevoll. Ihre deutsche Sprache war das kulturelle Zentrum zwischen Ost und West.

Altdeutsches Reich Nord- Ost- Süd- West

Die aus verschiedensten Landesteilen des Altdeutschen Reiches mitgebrachte Muttersprache der Siedler (Dialektik), spiegelte sich in den verschiedenen bessarabiendeutschen Kolonien wieder. Da ihre überwiegende Mehrzahl aus Baden Württemberg entstammte, wurden die unterschiedlichsten „Vaterland`s Dialekte“ von der schwäbischen Mundart „einmal mehr oder weniger“ überlagert. Durch den unmittelbaren Einfluss fremdstämmiger Nachbarkolonien, wurde die eigene Dialektik nochmals durch fremdsprachliche Ausdrücke aus dem Russischen und Rumänischen erweitert und in ihren eigenen Sprachgebrauch übernommen. Vorzugsweise für Handeltreibende auf den Märkten (Käufer oder Verkäufer), aber insbesondere in den Amtsstuben der deutschen Kolonien, war eine Sprachgewandtheit der russischen und rumänischen Sprache unumgänglich. Aus dieser Sprachentwicklung bildete sich eine erweiterte Sprach-Kultur, die letztlich einen festen Platz in der „Bessarabischen Kultur – Geschichte“ einnahm.

Erinnerung

Was von der bessarabischen Mundart heute noch in der sechsten und siebten Generation nach 1814 erinnert wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Doch schauen Sie sich nach einem Bessarabiendeutschen oder seinen Nachgeborenen um und bitten Sie diese Personen zu übersetzen! Gerade unseren Betagten bringt die bessarabische Mundart ein Stück Heilung in ihrem „Heimatverlust“.  Mit Freude wird man sich an vieles erinnern, sodass sie ins Erzählen geraten. Auch die Nachgeborenen der 1940 – 1970 Jahre, dürfen herausgefordert werden. Diese untenstehende Kostprobe der bessarabischen Mundart machte das Leben unserer Vorfahren aus.

Viel Vergnügen.  Die Freude wird auf beiden Seiten sein!

bessarabisch
übliche Bezeichnung Nr. bessarabisch
Arbusen 36 Kapitza
Baschtan 37 Kantschuk
Batlitschanna 38 Käsknöpfle
Batza 39 Knochahutsch
Bauchkremma 40 Kopitza
Beemle 41 Kussa
Blättle 42 Kwast
Blosbälgle 43 Labbach
Bobbele 44 Leible
Borscht 45 Mamlig
Branduscha 46 Mamme
Burga 47 Nuschnik
drenna 48 Nussaschnaps
Durak 49 Pelzamärte
Durchgedrehte 50 Placht
Ehne 51 Platschenda
Feldscheriza 52 Plärra
Galoscha 53 Riebele
gangene Küchla 54 Schamadan
Geschwistrichskend 55 Schlappich
Gluf 56 Schneeballa
Gosch 57 Schober
Gsells 58 Schwefele
Gugommer 59 Spitzbuba
Häfele 60 Steppkasta
Hahnerle 61 Stierum
Harbiwaga 62 Strudla
Harman 63 Tabohrig
Hasabrot 64 Verdämpfte
heila 65 Welschkorn
Henawelt 66 Woifässle
Henschich 67 Ziebeba
Holubzi 68 Ziefer
Hutschele 69 Zirenka
Kalladez 70 Zuckerle

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Weinbau

Weinbau in Bessarabien: Die Kolonisten, einst als Landwirte in die Steppe gerufen, entdeckten schon im Folgejahr ihrer Ansiedlung den Weinbau als Nebenwirtschaftszweig. Denn wenn sie schon auf den gewohnten Biergenuss aus dem Großdeutschen Reich verzichten mussten, sollte möglichst schnell ein Alternativgetränk für sie selbst gefunden werden. https://www.bessarabien.blog/erinnerungskultur/Mit Eifer legten sie erfolgreich ihre eigenen Weinberge an und trieben unter großen Anstrengungen den Weinbau in Qualität und Quantität bestmöglich voran. In den Folgejahren entwickelte sich der Weinbau aus einer Nebenbeschäftigung zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig mit 5- bis 6000 Litern.

Weinberghirt vor seiner Behausung

Weinberghirt vor seiner Behausung

Schnell fand der Wein auch außerhalb der deutschen Siedlungen zunehmend Liebhaber und Abnehmer. Ein Fässchen Wein für den Sommer und eines für den Winter sollte immer für den Bauern zur Verfügung stehen. Erst dann war er bereit den Überschuss auf den Märkten anzubieten. Mussten noch bei den ersten Weinernten die Trauben in einem durchlöcherten Zuber mit den Füßen ausgetreten werden, folgten und eroberten schon bald die von deutschen Handwerkern entwickelten Quetschmühlen den Markt. Alsbald folgte die Traubenmühle, die die Holzwalze mit ihren hervorstehenden Nägeln abgelöste.

Schabo, die Schweizer Winzerkolonie

Ein großes Anliegen der russischen Regierung bestand darin den Weinbau durch Fachleute deutlicher auszubauen und zu festigen. Um diesen als Hauptwirtschaftszweig auf einem jahrhundertealten Rebland erfolgreich betreiben zu können, berief sie im Jahre 1822 Schweizer Wein-Experten mit ihren Familien aus den Schweizer Kantonen, zur Gründung und Besiedlung der Kolonie Schabo, am Dnjestrliman. Weingärten in Bessarabien in der Größe von einem Hektar erbrachten durchschnittlich 8000 Liter Wein. Hingegen ernteten Winzer mit 40 Hektar Weinberg jährlich rund 300 000 Liter Traubenwein. Durch langes Liegen und Reifen in den Weinfässern konnte der Wein nur gewinnen stand den Kolonisten das ganze Jahr zur Verfügung. Auch in regenarmen Jahren gedieh die Traube und sicherte das Einkommen im Nebenerwerb der Bauern.

Weingärten fielen um die Jahre bis 1909 der Reblaus zum Opfer

Von dieser Plage ausgenommen waren nur die Weingärten auf sandigem Boden, wie in Schabo, Akkerman und sonstigen wenigen Orten. Aus dieser Katastrophe lernten viele Landwirte (nach dem Ersten Weltkrieg) und ersetzten ihre bisherigen Sorten durch eine veredelte Rebe auf amerikanischer Grundlage.

Diese Rebe war nun gegen den schädigten Befall der Reblaus gefeit, machte jedoch eine umfangreiche Anpassung im Weinberg unumgänglich. Neben einer kostspieligen Investition mussten arbeitsaufwändige und sorgfältigere Pflegemethoden eingehalten werden. Das Spritzen gegen Meltau, das Aufbinden der Reben an Pfählen oder Draht sowie das Abdecken der Reben zum Schutz vor dem Winter. Dieser intensive Zeitaufwand war ein Garant mit der Aussicht auf einen guten Ertrag. Trotz Einhaltung dieser ökonomischen Umwälzung richtete im Jahre 1929 ein eiskalter Winter großen Schaden in den Weinbergen an. Jene reale Auswirkung zeigte sich in einer wirtschaftlichen Verknappung des geliebten Rebensaftes und ließ die Preise in die Höhe schnellen.

Fast jeder besaß einen Weinberg

Die Weinlese war in wenigen Tagen abgewickelt. Vollbeladen am Abend, nach getaner Arbeit, fuhren die Traubenwagen in die Dörfer hinein. Fröhliches Lachen und Singen der Buben und Mädchen klang durch das ganze Dorf. Es wurde von einem freundlichen und herzlichen Begrüßen, einander Zuwinken und Zunicken begleitet. Auf dem Hof angekommen, wurden die sonnengereiften Trauben mit der Traubenmühle zermahlen und die Maische gepresst. Die ausgebrühten, mit Sodawasser gereinigten und ausgeschwefelten Fässer standen bereit um den Traubensaft aufzunehmen. Während des Gärvorganges musste mehrfach der geklärte Wein abgelassen und in ein gereinigtes Fass umgefüllt werden. In einem separaten Gefäß wurde die anfallende Hefe gesammelt. Alles freute sich darauf diesen allerbesten bessarabischen Süßwein zu kosten.

Weinzubereitung

Dieses Handwerk verstanden viele Kolonisten und führten es nach 1945 in Deutschland weiter fort. Ich, Christa Hilpert-Kuch erinnere, dass mein Großvater alljährlich zwei Ballonflaschen Fruchtwein ansetzte, sodass ein leichter Gärgeruch im Flur unseres Hauses in Niedersachsen, im Landkreis Verden/Aller, das Reifen seines Weines ankündigte.

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Industrie

Industrie und Technik in Bessarabien

Von der Scholle zur Industrialisierung: Durch den wirtschaftlichen Aufschwung und die industrielle Entwicklung in den Kolonien, fand im Jahre 1925 in Kischineff (Chisinau), der Hauptstadt Bessarabiens, eine bedeutende landwirtschaftliche Industrie-Ausstellung statt. Ein ungeahnter Erfolg von über 300 000 Besuchern war die Folge. Diese Anerkennung trug zu einer beachtlichen Belebung einer ökonomischen Bindungen mit anderen Landesteilen Rumäniens bei und diente dem Ziele der Allgemeinheit die Reichtümer Bessarabiens, nach der Vereinigung mit Rumänien aufzuzeigen. Im Gebiet des Budschaks war der größte Reichtum sein humusreicher und fruchtbarer Boden. Trotz einiger Dürreperioden und Insektenplagen entwickelte sich eine im Laufe der Jahrzehnte auf Überproduktion orientierte und intensiv betriebene Landwirtschaft. Diese legte den Grundstein für die Entwicklung einer nicht unbedeutenden handwerklichen Industrialisierung durch technischen Fortschritt in den bessarabiendeutschen Kolonien. Mit einem Freihafen, dem „Tor zur Welt“, erbot sich vor dem Ersten Weltkrieg die russische Handels- Industrie- und Hafenstadt Odessa, am Schwarzen Meer, als ideale Metropole für den Güter-Export Bessarabiens und Anrainerstaaten. Das rasche Wachstum, der jungen Hafen- Industrie- Banken -und Handelsstadt Odessa, verdankt sie der glücklichen Entwicklung dieser Handelswege. https://www.bessarabien.blog/oekonomie-dahoam-in-bessarabien/

Industrielle Mühlenwirtschaft

Den Anfang der industriellen Entwicklung in Bessarabien machten die Windmühlen um die Jahre 1880. Das war der Beginn! Schon bald ließen weitere Entwicklungsschritte wie die der noch leistungsfähigeren Dampfmühle nicht lange auf sich warten. Diese entwickelten sich zu Handelsmühlen und gingen in eine vollautomatische Hochmüllerei mit sieben doppelten Walzenstühlen und einer Tagesleistung von 30 Tonnen über. In Beresina gründete sich im Jahre 1924 eine Handelsmühle in Form einer Aktiengesellschaft. Mittels Anschaffung einiger Walzenstühle konnte die Tagesleistung in dieser Mühle auf 45 Tonnen gesteigert werden. Weitere Mühlen in Form einer Kommanditgesellschaft für Rohstoffe aus Weizen und sonstigem Getreide waren die Folge. So u. a. in Arzis, Leipzig, Borodino, Klöstitz, Neu Sarata, und Tarutino.

Der Rohstoff Wolle

Industrie: Die Planung weiterer Fabriken war unumgänglich. Durch die intensive Schafzuchthaltung mit dem wachsenden Rohstoff „Wolle“ entstand in Tarutino im Jahre 1888, vorerst in bescheidenem Umfang, eine Tuchfabrik https://www.bessarabien.blog/tarutino welcher sich im Jahre 1926 eine Spinnerei und Weberei angliederte. Die Anzahl der herbeiströmenden Kunden steigerte sich bis zu 50 000 im Jahr. Auf dem neuesten Stand der Technik, mit Verkaufsfilialen in größeren Orten und eigenen Handelsvertretern entfaltete sich dieses Unternehmen zum größten und modernsten Industriebetrieb in ganz Bessarabien. Nicht nur die deutsche Bevölkerung Bessarabiens, sondern auch die russische und bulgarische kamen von weit her, um dort ihre Tuche walken und färben zu lassen. Aus diesem vorbildlich geführten Betrieb gab es Nachahmer in anderen Kolonien, wie in Arzis und eine weitere in Tarutino. Vorausschauende Industriezweige wie der Vertrieb von Strickmaschinen, welche sich zu einem Netz von Strickereien ausbaute, waren die Folge. Durch die Ablösung des Handwebstuhles entstand noch eine weitere Tuchfabrik in Teplitz. Der ungebremste Piniergeist der rührigen Tarutinoer Fabrikanten setzte sich in weiteren Gründungen wie einer hydraulischen Oelmühle und einer Ziegelei fort.

Gründungen von Maschinenfabriken

Durch die Entwicklung und Konstruktion eigens an die örtlichen Verhältnisse angepassten landwirtschaftlichen Maschinen und Gerätschaften nahmen kleine Handwerksbetriebe den Kampf mit den ausländischen Erzeugern für landwirtschaftliche Maschinen und Geräte auf. So gelang es dadurch einer Maschinenfabrik in Arzis mit den Standart-Erzeugnissen ausländischer Fabrikanten gut zu konkurrieren. Die älteste und größte Maschinenfabrik in Bessarabien wurde im Jahre 1884, aus kleinen Anfängen, mit einer Reparaturwerkstatt in Sarata gegründet. Über einen Generationswechsel stieg die Mitarbeiterzahl auf 200 Personen an. Ein unbeschränktes Absatzgebiet dieser Maschinen erfolgte bis in die weiten Gebiete Süd-Russlands. Mit einem erweiterten Produktionsprogramm gelang es ihnen, durch die Einengung des Absatzgebietes nach dem Ersten Weltkrieg, den rumänischen Markt zu erobern. Getreidemäher, Sämaschinen, Maisrebbler, Putzmühlen, Weinpressen, Pflüge, Eggen, Häckselmaschinen, Rübenschneider und weitere landwirtschaftliche Maschinen zählten zu ihrer Produktionspalette. Aus dem Leistungspotential dieser metallverarbeitenden Fabrik ging außerdem noch eine Zylinderbohr- und Schleifanlage hervor.

Diese wirtschaftlichen Erfolge waren Vorbild und Ansporn für die Nachfolge-Generation und führte zur Erweiterung eines neuen Zweiges mit der Neugründung einer Schreinerei, im Jahre 1925. Dieser folgte schon im Jahre 1929 die Gründung eines Schlossereibetriebes und im Jahre 1931 die Angliederung einer Gießerei für die Herstellung von Getreidemähern, Putzmühlen, Drillmaschinen, Maissetzern und anderen landwirtschaftlichen Maschinen. Nach der Gründung einer Eisengießerei im Jahre 1938 wurde durch die Umsiedlung der Bessarabiendeutschen, im Jahre 1940, die weitere betriebliche Entwicklung gestoppt. Die Erzeugnisse dieser Fabrik fanden im ganzen Osten Rumäniens Absatz. Zu den industriellen Errungenschaften der Deutschen in Bessarabien gehörten u. a. eine Bierfabrik, Kinos, Genossenschaften, Banken, Zeitungswesen, Rechtsanwaltskanzleien, Eisenbahnnetz und die Gründung einer Bade- und Heilanstalt am Schwarzen Meer „Bad Burnas“.

Bad Burnas“ am Schwarzen Meer

Die Bade- und Heilanstalt wurde von unseren Vorfahren durch eine Privatinitiative und dann in Form einer eigens für diesen Zweck entstandenen Aktiengesellschaft im Jahre 1925 gegründet. Es wurde zu einem kleinen Paradies an einem kilometerlangen goldgelben Sandstrand mit dem Heilschlamm aus dem angrenzenden Salzsee. Dieses Heilbad an der Steilküste diente vorrangig als Erholungszentrum für kranke und erholungsbedürftige Erwachsene und Kinder. Es wurde auch für sommerliche Freizeitvergnügen von der deutschen Bevölkerung genutzt. Dieses „Filetstück“ in „Bad Burnas“ war eine besondere Oase Bessarabiens.

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Kindheitsträume

Kindheitsträume der ersten Lebensjahre in Bessarabien.Wohlbehütet in der Kinderplacht

Eltern und Großeltern hatten in Bessarabien ein zuversichtliches Lebensgefühl. Der Sinn des Lebens war durch ihren Glauben und die bäuerlichen Verhältnisse geprägt. Diese Grundwerte übertrugen sie auch auf ihre Kinder und die Jugendlichen.

In den Kolonistenfamilien war Kinderreichtum ein natürlicher Wunsch. Getragen und gehalten, fest gewickelt in eine Placht, am Herzschlag der Mutterbrust, erlebte der Säugling die göttlichen Ordnung im Rhythmus, der Nähe und Zuneigung der Mutter. So konnte auf diese Weise eine enge Mutter- Kind-Bindung entstehen und entscheidend zur Festigung eines gesunden Urvertrauens beitragen. In einer klaren Rollenverteilung, waren der Haushalt und die Kindererziehung reine Frauensache. War das Kleinkind von der Mutterbrust entwöhnt, wurde überwiegend die Betreuung durch die älteren Geschwister übernommen. Kindergärten waren nur in ganz wenigen Kolonien vorhanden. Ebenso verhielt es sich mit der Kleidung der älteren Geschwister, in welche die jüngeren nach und nach hineinwuchsen. Auch das selbst gefertigte Spielzeug wurde durch die verschiedenen Altersstufen in der Kinderschar weitergegeben. In ihren unbeschwerten Kindheitstagen streunten die Kleinkinder barfuß an den langen Sommertagen auf den Höfen mit der Sommerküche, dem Garten oder in der Umgebung umher. Badevergnügen am SteppenflussZu ihren Kindheitsträumen gehörte auch eine heile Tier- und Pflanzenvielfalt. Heller und bunter Vogelgesang, Schilfrohr, Binsen und Hartgräser an Bächen und Tümpel, lieferten inmitten einer intakten Natur, reichlich sinnvolle Entwicklungsspielräume. An heißen Sommertagen boten die Steppenflüsse mit ihren breiten Ufern an den Kolonistendörfern, allerlei Vergnügen für jung und alt.

Das Gänsehüten

Zu einer der schönsten Erinnerung vergangener Kindheitsträume gehörte auch das sorgenfreie Gänsehüten. Es war eine der ersten Aufgaben des Kindes und diese war gleichsam mit großer Freude und Spaß verbunden. Denn für die auf der Gänseweide zusammenkommenden Buben und Mädchen, war es mit allerlei Kinderspielen, wie z. B. der „Sauhirt“, u. v. m. verbunden. Ganz nebenbei bereitete es häufig große Mühe, die auf Wanderschaft bedachten Gänsemütter mit ihren Küken in der Nähe zu halten. Gern erinnert man sich an die vielen Akazienbäume mit ihrem wohlschmeckendem Blütennektar. Weitere beliebte Köstlichkeiten des Sommers und auch ein Ersatz für Süßigkeiten boten die ausgegrabenen Süßholzwurzeln, ein Stückchen Zuckerrohr, verschiedene Früchte aus dem Sommergarten wie u. a. die vollreifen Aprikosen, oder die allersüßesten Melonen. Gerade die „Arbusen“ hatten es den Kindern angetan und wurden gegessen, bis der Bauch sich wölbte. Ebenso waren die von den Dächern herabhängenden Eiszapfen im Winter ebenfalls begehrter Zeitvertreib und diente als Lutschstange.

Die wichtigste Mahlzeit des Tages war das Mittagessender ganz selbstverständlichen bessarabischen Bio-Küche- ohne lange Transportwege. Auf diese kulinarischen und saisonalen Besonderheiten eines gemeinsamen Mahles freute sich die ganze Großfamilie. Die Nahrung war ohne Düngung und frei von jeglichen Zusätzen. Eine einzigartige Mischung, aus dem Schwäbischen, Russischen, Ukrainischen, Rumänischen und anderen fremdstämmigen Mitbewohnern. Ihre Weizenfelder füllten ihre Mehltruhen und die Geflügel und Haustierhaltung versorgte die Familie mit Eiern, Milch und Fleisch. Waren Verwandte zu Besuch auf dem bäuerlichen Hofe, fand sich die Kinderschar glücklich und zufrieden an den separaten sogenannten „Katzentischen“

zum gemeinsamen Mahl. Welch eine Freude…..!

Aus den Überlieferungen der Generationen in Bessarabien,

hatten die Kinder zu gehorchen, sich brav und ruhig zu verhalten und nicht den arbeitenden Erwachsenen im Wege herumzustehen. Durch die patriarchalische Ordnung, in der die Deutschen in Bessarabien lebten, geprägt von harter Arbeit und Sparsamkeit, erfuhr die Kinderschar „vom Vadder“ , durch seine harte Hand und oft viel zu früh, eine Vorbereitung auf ihre zukünftige Lebenswirklichkeit. Auch heute noch sprechen die betagten Alten über ihre unbeschwerten Kindheitstage in der alten Heimat, insbesondere im Vorschulalter. Mit verträumten Blicken beginnen sie zu schwärmen und lassen ihre Kindheitsträume wieder aufleben. Oft heißt es dann: „Was hatten wir doch für eine wunderschöne Kindheit, in Bessarabien. Und diese tief verwurzelten Erinnerungen hätten sie stets begleitet und durch viele Höhen und Tiefen ihrs Lebens getragen“.

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Erinnerungskultur

ALT ELFT UND NEU ELFT

Alt-Elft Oberdorf mit einer 40 Meter breiten HauptstraßeErinnerungskultur – Alt und Neu Elft. Als deutsche Auswanderer zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts nach Bessarabien am Schwarzen Meer zogen, erfolgten die ersten Ansiedlungen im südlichen Teil Russlands , dem sogenannten Budschak. Diese neuen Kolonien wurden bei Gründung ab dem Jahre 1814 nach Zahlen benannt. So wurde im Jahre 1816 auf der Gemarkung Nummer 11 im Kogälniktal, die „Kolonie Alt- mit Neu Elft“ gegründet.

Auf Befehl des Zaren erhielt die Kolonie Nummer 11 den Namen „Fere-Champenoise I/ Sadove“. Dieser Name erinnerte an die große Schlacht Napoleons gegen die Westarmeen Preußens, Russlands und Österreichs, die damals Napoleon nach Fere-Champenoise in Frankreich zurückdrängten. Die ersten 126 Ansiedlerfamilien stellten sich allerdings gegen den Wunsch des Zaren Alexander I und forderten erfolgreich den Namen Alt- und Neu Elft zurück.

BESTES LAND UNTER MANNSHOHEM STEPPENGRAS

Da ihre fruchtbaren Felder und Weideflächen in südöstlicher Richtung zu weit entfernt lagen, wurde die Gemeinde geteilt. So konnten beschwerliche und zeitraubende Wege umgangen werden. Die Teilung Alt Elfts wurde über die geraden und ungeraden Hausnummern entschieden. Bewohner mit geraden Hausnummern wie 2, 4, 6…, wurden daraufhin nach einem Beschluss einer Bürgerversammlung ausgewählt „Alt Elft“ wieder zu verlassen. Die nur kurz zur Ruhe gekommenen Ankömmlinge mussten sich schweren Herzens aus der Gemeinschaft lösen. Voller Trauer verließen sie die Kolonie. Ein schmaler Weg über eine Anhöhe führte den kleinen Treck in das dahinterliegende Tal mit dem Steppenflüsschen „Alliaga“ – nach „Neu-Elft“. Ihr neues Siedlungsland lag nur einen Steinwurf und durch einen Hügel getrennt von Alt-Elft.

Bei der Urbarmachung ihres Siedlungslandes erfuhren die Siedler große Entbehrungen und Leid auf allen Ebenen ihres Lebens. Hohe Verluste durch Missernten folgten in den Jahren 1823, 1830, 1867, 1899 und 1904 und eine der stärksten Heuschreckenplage im Jahre 1875.

Erdhütten boten Schutz vor Kälte

Ihren ersten Erdhütten folgten bald menschenwürdige Behausungen aus Lehmbatzen, Schilf und Rohr. Diese bildeten den Übergang zu den später stattlichen und massiven Häusern aus Muschelkalk. Mit großem Eifer widmeten sich die Bewohner Alt- und Neu-Elfts ihrem Haupterwerb, der Landwirtschaft.

Schnell erkannten sie in dem fruchtbaren Boden unter der wilden Steppe und der sonnigen und besonderen Hanglage ihre Chance für den Weinbau und Obstanbau. Bis 1848 legten die Bewohner beträchtliche Weingärten mit 155 000 Weinstöcken an und ebenso rasch erfolgte der Aufbau großer Obstplantagen mit Apfel, Pflaumen, Aprikosen, Nuss, Birnen, Kirsch, Pfirsich und Maulbeerbäumen. Mit ihren wohl best gepflegten Obstgärten und einer so geschlossenen Dorfgemeinschaft, gelang es ihnen herausragende Weine aus besten Trauben bis in das innere Russlands zu führen und zu einer wichtigen Einnahmequelle zu machen.

Mit tüchtigen Handwerkern insbesondere für die Landwirtschaft, einer Dampfmühle, zwei Windmühlen, einer Ölmühle, einer Genossenschafts- und Privatmolkerei, u.a. Leitermacher (Wagenleitern), Schuster, Metzger, Steinmetzen, Schneider, sowie einer Holzhandlung trugen sie im wirtschaftlichen sowie industriellen Zweig zu einer guten Infrastruktur bei. Gleichfalls entwickelte sich in den beiden Gemeinden neben einem Bläser- und Kirchenchor, ein Frauen- und Bildungsverein und zwei Sportplätze.

Eine mächtige Kirche mit 800 Sitzplätzen war die Zierde ihres Dorfes

Alt-und Neu-Elft war eine sehr lebendige Kirchengemeinde. In den Jahren 1894 bis 1896 erfolgte ein neuer großer Kirchenbau, mit einer Einweihungsfeier am 6. Oktober 1896. An den Sonntagnachmittagen wurden in sechs Versammlungen Gebetsstunden abgehalten. Auch rege Jugendgemeinschaften nahmen an den Stunden- und Gottesdiensten teil. Dieser Gemeinschaftssinn führte zur Erweckung zahlreicher Gemeindeglieder. Darunter viele Jugendliche. Gleich nahe der Kirche, auf der gegenüberliegenden 40 m breiten Straßenseite, befand sich das neue Rathaus und das neue Schulhaus für 300 Schüler mit den Lehrerwohnungen.

Neu-Elft entwickelte sich zu einer Vorzeigegemeinde von besonderem Niveau und war später „Alt-Elft“ in jeglicher Hinsicht weit überlegen. Gegenüber allen anderen Siedlungsgemeinden bildete sich hier eine herausragende Besonderheit ihrer ureigenen Mundart aus schwäbisch, hochdeutsch und plattdeutsch. Nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 1874 und besonders auch um und nach der Jahrhundertwende, setzten Auswanderungswellen nach Übersee ein.

Beinahe unverändert: Die Schule Alt-Elft im Jahre 2015 bei meinem Besuch (oben) und siehe unteres Bild – vor der Umsiedlung

Im Jahre 2015

führte mich, Christa Hilpert-Kuch,  mein Weg quer durch Bessarabien und auch zu diesen beiden Gemeinden, Alt- und Neu Elt. Im Dorfmittelpunkt finde ich den hohen Kirchturm

der ehemaligen Kirche abgetragen und im Korpus das heutige Kulturhaus in seiner Verwendung. Im Inneren probte gerade ein Kinderchor für eine Theateraufführung. Bei meinem Besuch im Jahre 2015, war beinahe jedes Haus noch so gut erhalten, wie es einmal von den Deutschen Bewohnern aus Muschelkalkstein errichtet wurde.

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Tarutino

Ankunft in Tarutino

Historische Ereignisse, erfordern besonderen Einsatz. Seinerzeit auf Recherche als Redakteurin für das Mitteilungsblatt des Bessarabiendeutschen Vereins e. V. führte mich, Christa Hilpert-Kuch, mein Weg im August des Jahres 2014 zur 200-Jahrfeier nach Tarutino, Bessarabien. Mit dem Flugzeug reiste ich von Hannover nach Chisinau und weiter mit dem Bus von Moldawien über die ukrainische Grenze nach Tarutino.

In der Ukraine im Jahre 2014, betrat ich ein Land im Kriegszustand! Kriegerische Auseinandersetzungen waren schon dem Jahre 2014 vorausgegangen und wechselten von den Rebellionen auf dem Maidan in Kiew zu den anhaltenden Kämpfen an der Ostgrenze mit Russland. Dunkle Schatten dieser Kriegsereignisse wirkten in die Feierlichkeiten „200 Jahre Tarutino“ hinein. Dennoch war an diesem Festakt “Tarutino 200 Jahre”, die heutige Bevölkerung mit einem großen Interesse und einer bewundernswerten Gastfreundschaft engagiert und beteiligt. Historische Quellen berichten, dass im Budschak zehn umherziehende moldauische Hirten mit ihren Herden lebten. Diese hatten das Steppenland von der russischen Krone gepachtet und mussten es danach wieder zurückgegeben. In diesem Gebiet wurde im Jahre 1814 von der russischen Kolonialbehörde neben Tarutino auch Borodino und Krasna als erste deutsche Gemeinde gegründet. Die deutschen Kolonisten kamen in eine nahezu menschenleere Steppenlandschaft. Wie in allen Teilen Bessarabiens spielte auch hier die Landwirtschaft und das Handwerk dabei eine wichtige Rolle.  Zunehmend übernahm Tarutino eine immer mehr zentrale Funktion für die Bessarabiendeutschen.

Tarutino wurde das Zentrum der evangelisch deutschen Christen in Bessarabien.

Hier wurde das erste evangelische Kirchspiel gegründet, welches sich später zum Sitz des Oberpastors mit Konsistorium und der Synode der evangelisch-lutherischen Kirche in Bessarabien entwickelte. Diesem folgte die Entstehung des Bildungswesens. Auch zwei der drei höheren Schulen, die zum Abitur führten und damit einen direkten Zugang zur akademischen Bildung ermöglichten, waren in Tarutino. Ebenfalls wirtschaftlich entwickelte sich die Kolonie vielfältig. Erwähnenswert der große Pferdemarkt, der schon im Jahre 1912 über 12.000 Besucher anlockte und die bedeutende Textilindustrie mit der 1888 gegründeten Tuchfabrik Rudolf Bannasch sowie die Gründung der ersten „Deutschen Zeitung Bessarabiens“. Mit der Gründung des Deutschen Volksrates in Bessarabien im Jahre 1920, wurde Tarutino auch das politische Zentrum. Zahlreiche weitere Industriebetriebe, Brauerei, Färberei, Spinnerei, Gießerei, Dampfmühle, Ziegelei, Druckerei sowie Molkereien und Läden für Schuhe, Glas, Kurzwaren, Leder, Banken und Buchhandel im Einzelhandel, siedelten sich gefolgt von einem kulturellen Leben mit Sport- und Bildungsvereinen an. Durch die Umsiedlung der Deutschen aus Bessarabien, im Rahmen des Hitler-Stalin- Paktes, wurde der weiteren Entwicklung Bessarabiens durch deutsche Bewohner ein politisches Ende gesetzt.

Tarutino zur 200-Jahrfeier

Noch vor Beginn des offiziellen Festaktes wurde durch Pastor i. R. Arnulf Baumann mit einem Freiluftgottesdienst an die Besiedlung Bessarabiens und Gründung Tarutinos vor 200 Jahren wie einst in der Steppe, erinnert. Er gedachte der Einwanderer und Gründer der ersten bessarabischen Gemeinden Tarutino, Borodino und Krasna und wie es ihnen nur durch die Kraft ihres Glaubens gelang, die Steppe urbar zumachen und die Gründung von weiteren 22 bessarabiendeutschen Muttergemeinden und über 120 Tochtergemeinden zu vollziehen. Die ankommenden Kolonisten erlebten: Bessarabien ist auch – Gottes Erde“ und Gott ist auch in der Steppe für sie erreichbar. Gott ist überall! Mit diesem Wissen wurde ihnen der Himmel und die Steppe Bessarabiens „zur neuen Heimat“. Und ein weiteres Mal erfuhren sie Gott als Helfer und Beistand in der schwierigen Zeit ihrer Umsiedlung im Jahre 1940 und der schrecklichen Flucht 1945.

Heimatlied der Bessarabiendeutschen

   Festakt 200 Jahre Tarutino

Mit einer Schweigegedenkminute an die Gefallenen im Osten der Ukraine, eröffnete der Bürgermeister der Stadt Tarutino (Iwan Kurutsch 2014) im großen Kulturhaus mit Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Bevölkerung eine beeindruckende Jubiläumsveranstaltung. Mit Ansprachen, Ehrungen Tanz- und Musikbeiträgen, feierte ein sehr großer Teil der heutigen Bevölkerung gemeinsam mit denen aus Deutschland angereisten Gästen die Gründung „Tarutinos vor 200 Jahren“. Dabei wurde nichts vergessen, alles wurde bedacht und entsprechend gewürdigt. Heute leben in Tarutino in den ehemaligen deutschen Häusern überwiegend Familien bulgarischer, russischer und ukrainischer Herkunft. Ihr Interesse an der Vergangenheit deutscher Geschichte ist groß.

Hoch oben am Hang schaut der deutsche Friedhof direkt auf Tarutino hinunter. Hier ruhen unsere Ahnen. Bei einem Besuch bin ich hocherfreut über die vielen Grabsteine mit Inschriften ehemaliger deutscher Kolonisten.

Friedhof der Ahnen

Ich lernte Tarutino als eine offene, bunte und lebendige Stadt mit vielen freundlichen Menschen kennen. Bei einem Gang durch den Ort am Tage vor dem Jubiläum, hatte ich sehr viele wunderbare Begegnungen mit der Bevölkerung. Einen großen Teil dieser liebenswerten Menschen traf ich am Jubiläumstag, zur unserer gemeinsamen Freude wieder. Für mich klang ein gemeinsamer Tag mit der heutigen dort lebenden Bevölkerung erst am späten Abend fröhlich aus.

KolonistenhausHeutige Bevölkerung in Tarutino

Ehemaliges Kolonistenhaus mit original Hofmauer

Wenn ich mich zu fortgeschrittener Stunde aufmachte meine Schlafstätte außerhalb des Hotels aufzusuchen, führte mich stets mein Weg unter Millionen von strahlenden Sternen, Sterne zum Greifen nah, durch den Ort Tarutino. Noch heute habe ich dieses nächtliche Himmelszelt Bessarabiens vor meinem inneren Auge. Unauslöschlich, im Gedenken an meine Ahnen, wirkt es in mir nach.

Der Himmel über Bessarabien

Der Himmel Bessarabiens, während des Tages

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Gesellschaftliche Stellung der Frauen in Bessarabien

Bauernhaus in Lichtental Wie war die gesellschaftliche Stellung der Frauen in Bessarabien? Welche Rolle nahmen die Bäuerinnen in der 125-jährigen Siedlungsgeschichte in Bessarabien ein? Definierten sie sich nur über das Weben, Stricken oder Nähen? Oder waren sie nur einfach, schlicht und fromm?

Christina Kuch, Eltern Volz+Breitmeier27.5.1887, Großmutter von Christa Hilpert-KuchWeit über dieses hinaus bekannten sie sich getreu und voller Pflichterfüllung zu ihrem eigenen Volkstum und zu ihrer Rolle als getreue Ehefrau, Hausfrau aber vorrangig als Mutter großer Kinderscharen, von bis zu zehn Kindern und mehr. In reiner Pflichterfüllung und Unterordnung war ihr Leben auf ihren Ehemann ausgerichtet. Ebenfalls sehr ernst nahmen sie die Verpflichtungen, ihre Kinder zu gläubigen, fleißigen und rechtschaffenden Menschen zu erziehen. Kinderreichtum war demzufolge in Bessarabien mit eigenen Arbeitskräften gleichzusetzen.  -Obendrein sahen sie ihre fortwährenden Schwangerschaften, “ohne zu klagen”, als Segnung Gottes und als Notwendigkeit im Kreislauf der Zeit bedingungslos an.   Beten, danken und arbeiten” bestimmten ihren Tagesablauf – weit über Haus, Garten und Hof hinaus.  .


Frauen auf dem Feld in Brienne

Abgesehen von einer Minderheit bäuerlicher Betriebe, welche sich wirtschaftlich Dienstboten und Knechte erlauben konnten, musste die Mehrheit der Frauen, auch noch hochschwanger bis kurz vor dem Geburtstermin zur Saat- und Erntezeit, harte Männerarbeit auf den Feldern leisten. Durch ihre vielen Geburten, ohne ärztliche Versorgung, war die Sterblichkeitsrate der Ehefrauen und auch die der Kleinkinder entsprechend hoch. Im Folgenden blieben viele Kinder als Halbwaise – oder Vollwaise durch einen ebenfalls frühen Tod des Vaters zurück. Die hinterbliebenen Kinder wurden auf die Verwandten verteilt oder fielen einer Stiefmutter durch eine rasche Heirat des Vaters zum Opfer.   —Natürlich gab es auch Stiefmütter die sich liebevoll um die Kinder ihres neuen Ehemannes kümmerten.

          Heirat ohne Zwang

Immerhin wurde in Bessarabien keine Frau zur Heirat gezwungen. Sie hatte die Qual der Wahl:  – Entweder als Unverheiratete gesellschaftlich nicht zu existieren oder kindergebärend arbeiten bis zum Umfallen und dabei mittel- und rechtlos, aber an der Seite eines Mannes zu leben. Denn mit ihrer Heirat begab sich die Kolonistenfrau aus der Abhängigkeit ihres Elternhauses, freiwillig und direkt, in die eines in der Mehrzahl despotischen bessarabiendeutschen Mannes.

Infolge der Heiratsurkunde erging auch sogleich ihre elterliche Mitgift an das Vermögen des Gatten über. Sie selbst blieb in dieser Ehegemeinschaft „mittel- und rechtlos“!

Aug um Aug

standen die Kolonistenfrauen treu zu ihrem Volkstum und erkannten mit dem Einverständnis zur Ehe auch ihre große, entscheidende Rolle zu allem Geschehen in Bessarabien.  –Mit ihrem Fleiß, ihrer Körperkraft und ihren seelischen Stärken, beteiligten sie sich am Mehren des Wohlstandes ihrer großen Familie.

Unermüdlich bewegten sie sich in einem selbstlosen und überlebenswichtigen Einsatz zur bessarabiendeutschen Gemeinschaft. Neben der Hauswirtschaft mit Blumen-,Gemüse-,Obstgarten; dem Verarbeiten und Fermentieren von Obst und Gemüsesorten für den Winter; dem Brotbacken und Essen kochen für ihre großen Familien – auch in der beliebten Sommerküche; dem Wäschewaschen; am Spinnrad; dem Webstuhl; der Strick- und Näharbeit für die ganze Familie und für die Ausstattung im Haushalt; der mütterlichen Fürsorge für die große Kinderschar oder auf dem Dreschplatz, widmeten sie sich zusätzlich der umfangreichen Geflügel- und Schweinezucht sowie ihrer Molkereiwirtschaft. 

Bauerngehöft mit SchöpfbrunnenFrauen bei der Herstellung von Lehmziegel/Batzen

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 (Die Bäuerin hatte es im Winter umso schwerer)

Jeder Tag der Bäuerinnen war von morgens früh, bis abends spät, angefüllt mit wichtigen und lebenserhaltenden Aufgaben. Von ihrer Gesundheit und Schaffenskraft hing der Wohlstand ihrer Familie ab. Aber auch ihr eigenes gesellschaftliches Ansehen erwuchs darüber hinaus innerhalb ihrer Kolonistengemeinde.

Dieses erfüllte sie mit einem besonderem Stolz und es war ein verdienter Lohn für alle ihre Einsätze und Mühen.

Die gesellschaftliche Pflege über ihre Familie zu Freunden, Nachbarn und Verwandten waren für sie wichtige Kraftquellen. Für das gesellige Miteinander musste immer eine Zeitreserve bleiben.

Sprachlos über diese für mich „wahren Heldinnen der bessarabiendeutschen Siedlungsgeschichte” verneige ich mich voller Hochachtung und frage ich mich:

Wie war es ihnen noch gelungen auf dem Hofbänkle an der langen Chaussee, ein Stündchen schwätzend mit dem Ehemann oder einer Nachbarin, zu verweilen?“

Christina Kuch, Eltern Volz+Breitmeier27.5.1887, Großmutter von Christa Hilpert-KuchChristine Kuch, geb. am 27.05.1887

Brienne/Bessarabien

Eltern: Katharina Breitmeier u.

Joh. Volz/

Großmutter von: Christa Hilpert-Kuch                     

Foto:1940 im Lager

 

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Ökonomie – Dahoam in Bessarabien

Das baldige Ende des Winters verkündeten Dahoam in Bessarabien die immer länger werdenden Tage und kürzeren Nächte. Voller Hoffnung auf ein ertragreiches Jahr waren die Gedanken des Bauern auf seinen landwirtschaftlichen Betrieb ausgerichtet.

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Landwirtschaftliches Gefährt

Für den Ökonom galt es nun die richtige Saat aus seinen Getreidesorten auszuwählen, diese sorgsam von dem Unkrautsamen zu trennen und gesondert für die Aus-Saat zu lagern. Denn nur ein sorgfältiges Verteilen der Saatgüter, die Planung und Berechnung der richtigen Menge für die Größe der zu bestellenden Felder, versprach einen maximalen Ernteertrag. Natürlich hing ein reichliches Aufgehen der Saat mit seinem Wachstum, selbst bei sorgfältigster Vorbereitung, von den jeweiligen Witterungsverhältnissen in Bessarabien, mit seinem Kontinental-Klima während der Wachstumsphase ab.

Die Ernährung seiner großen Familie hatte oberstes Gebot. Zu deren Absicherung wurde vorrangig eine von ihm kalkulierte Bevorratung unangetastet beiseite gelegt. Erst jetzt wurde das restliche Getreide für die Aussaat und den Verkauf zu anständigen Marktpreisen deponiert. Hier konnte er seine Fähigkeiten durch geschicktes Verhandeln unter Beweis stellen.

Bessarabische Weine

Ebenso ökonomisch wurde mit dem Wein-Depot aus seinem Erdkeller verfahren. Denn dort lagerten in großen Weinfässern beste bessarabische Weine der süßesten Trauben. Prall und vollmundig reiften sie an den sonnigen Hängen in den deutschen Kolonien. Diese Weine waren im ganzen Land und darüber hinaus bestens bekannt und fanden reißenden Absatz.

Mit dem Maisrebbler das Welschkorn entkörnen

Welschkornhaus mit MaisRebbler

Eine weitere Herausforderung für den Ökonom war die Bewältigung des getrockneten Maisvorrats. Mit großem körperlichen Einsatz wurde diese Arbeit bewältigt. Dafür war es notwendig die getrockneten Maiskolben aus dem Welschkornhaus herbeizuschaffen und diese durch den Maisreppler zum Ablösen der Körner zu drehen. Für diese schwere und harte Arbeit wurden mindestens drei Personen zum Bedienen der Maschine benötigt. Sorgfältig wurde auch hier zuerst der Eigenbedarf ermittelt und dafür eine ausreichende Menge zurückbehalten. Der Überschuss konnte nun auf dem Markt meistbietend angeboten werden.

Sämtliche Wirtschaftsgeräte mussten nun noch auf eine eventuelle Instandsetzung vom Bauern überprüft werden. Eine große Herausforderung, denn diese erforderte ein großes handwerkliches Geschick und fachkundiges Handeln! In vielen unterschiedlichen Gewerken musste er sich beweisen. So zum Beispiel reparierte und flickte der Bauer auch an seinem Sattlerstuhl sein Pferdegeschirr. In der Regel bewerkstelligte er sämtliche Arbeiten ohne fremde Hilfe und bereitete so alles auf einen baldigen Einsatz vor.

Reduzierung der Tierkapazitäten in den Stallungen

Tierzucht auf dem Bauernhof

In seinen Stallungen war es notwendig eine Tier-Bestandsaufnahme und eine Reduzierung durch die Wintergeburten einzuleiten.  Je nach Größe des Stalles ermittelte der Ökonom die Stückzahl der Fohlen, Kälber und Lämmer und plante für das Frühjahr den Abverkauf auf den großen Bauernmärkten in Arzis und Tarutino.

Mit einem prüfenden Blick auf den Zustand seines Wagens musste er abwägen, ob dieser noch den zukünftigen Erwartungen entsprechen würde. Wenn ihm dieses nicht mehr gewährleistet erschien, entschloss er sich kurzerhand zum Verkauf desselben. Bei den besten bessarabiendeutschen Wagenbauern in Teplitz, Alt-Postal oder Wittenberg war es kein Problem schnell einen neuen Wagen zu erstehen.

Nach Abschluss aller Planungen, Vorbereitungen und Reparaturen, konnte der Ökonom noch etwas Ausruhen und Kräfte sammeln.

Mit großer Ungeduld wartete er nun auf seinen Einsatz, – Dahoam im Frühjahr!

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Dahoam – mit Pudelkapp und Fell-Gamaschen

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Dahoam – mit Pudelkapp und Fell-Gamaschen  Kalt war der Winter Dahoam in Bessarabien und soweit das Auge reichte zeigte er sich in einem weißen Kleide. Über Wochen bedeckte eine dicke Schneedecke die weite Steppe Dahoam in den deutschen Kolonien Bessarabiens. Die breiten und langen Chausseen in den Dörfern boten dem eisigen Wind einen kraftvollen Atem. Ungestüm pfiff er den Menschen um die Ohren und rieb der Bevölkerung rote Wangen ins Gesicht, unter ihrer Pudelkapp. Diese Färbung wurde allgemein als gesunde Gesichtsfarbe gedeutet, besonders wenn ein dicker Pelz den Körper warm einhüllte. Für trockene und warme Füße und Beine sorgten lange Fell-Gamaschen über dem Schuhwerk. Sie boten Schutz vor Frost und Schnee.

Viel zu hart war die Arbeit innerhalb des Jahres und nun wo die Feldarbeit ruhte, konnte sich der Bauer eine kurze Atempause gönnen. Besonders hingebungsvoll widmete er sich jetzt der besonderen Fellpflege seiner geliebten Pferde, “seine treusten Freunde” und versorgte sie mit bestem Futter.  Nach getaner Stallarbeit hatte er Zeit und Muße sich im laufe des Tages mit seinen Freunden, Nachbarn und Bekannten auszutauschen.

Mit Pudelkapp und Fell-Gamaschen

fühlte er sich dem stärksten Schneesturm gewachsen. Bei seinen Besuchen erfuhr er Neuigkeiten aus der Gemeinde, tauschte sich über die Bearbeitung seines Ackerbodens aus oder erfuhr die neuesten Meldungen der soeben eingetroffenen Zeitung. Es wurde diskutiert und ausgetauscht. Und um die Freizeit so richtig zu genießen, zeigte sich die Bauer einer Einladung zu einem guten Wein nur selten abgeneigt. Es konnte geschehen, dass bei dieser Gelegenheit Zeit und Raum und die wartenden Lieben Dahoam vergessen wurden. Einen guten Vorrat besten Weines, aus dem eigenen Weinberg, konnte jedes bäuerliche Anwesen sein Eigen nennen. In großen Fässern lagerte der Wein in den tiefen Außenkellern und wartete auf den Verzehr. Bestens versorgt damit, durfte der Winter auch mal gern länger dauern. Diese Annehmlichkeiten der Winterzeit entschädigten so manchen Bauern für die großen Anstrengungen und Entbehrungen der vergangenen Monate.

Die Bäuerin hatte es im Winter umso schwerer.

Die Fertigstellung einiger Arbeiten während des laufenden Jahres mussten aus Zeitmangel auf die Wintermonate verschoben werden und das Stricken, Flicken, Reinemachen, Kochen, Waschen und vieles mehr gehörten ja ohnehin zu ihren täglichen Aufgaben, in ihrer Großfamilie.

Weitere Herausforderungen kamen jetzt zur Winterzeit auf die Kolonistenfrau hinzu.

Dabei war der gebrochene Flachs und Hanf aus der Sommerernte und wartete auf seine Verarbeitung. Das unermüdliche Surren des Spinnrades war im ganzen Haus zu hören. Viele  Säcke für die Ernte, Strohsäcke  für die große Familie und Plachten für den Dreschplatz mussten gewoben und genäht werden. Fast ununterbrochen lief der in der Küche aufgestellte Webstuhl. Zu den absoluten Pflichten einer  Hausfrau in Bessarabien gehörte das Weben. Es war ein “MUSS” dieses Handwerk frühestmöglich an die heranwachsende Tochter weiterzugegeben und das Handwerk zu erlernen.  Seit dem Sommer warteten Berge an bereits gewaschener Schafwolle auf ihre Veredelung und die unterschiedlichste Verarbeitung. Strickkleidung, Häkelarbeiten, Steppdecken, handgewebte feine Stoffe, Läufer, Fußteppiche und Klöppelarbeiten mussten daraus hergestellt werden. Unermüdlich reihte sich eine Arbeit an die andere.

Die Hände der Bäuerin und Töchter fanden im Winter keine Ruhe.

Bei all ihrem Einsatzes verstanden es die Frauen in Bessarabien dennoch herrliche und unvergessene Winterabende zu arrangieren. Verabredungen, teilweise mit dem Ehemann und dem Spinnrad oder dem Strickzeug unter dem Arm, bei Freunden, Nachbarn und Bekannten wurden am Abend mit gebratzeltem Mais (in heißem Sand gebratene Maiskörner) und beim Sonnenblumenkörnernknacken sehr genossen.  Gered wurd über des und sell“ und vor allen Dingen wurde das eine oder das andere Lied gesungen. So z. B. folgendes: „Ich bin das ganze Jahr vergnügt.….“ etc.. Spätestens, wenn die Uhr dann 22 oder 23 Uhr angezeigt hatte, verabschiedete man sich in dem Bewusstsein “wieder einen schönen Abend verbracht zu haben”.

Unerschütterlich und getragen von Hoffnung und Glauben, fest verankert in ihrem deutschen Gemeinwesen von “Dahoam, dem Großdeutschenreich”, lebten und arbeiteten die Bessarabiendeutschen in der Fremde, bis zu ihrer Umsiedlung, im Jahre 1940. https://www.facebook.com/christa.hilpert.7

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