Bessarabiendeutsche Gemarkungen

 

Viehtränke in der weiten Steppe Bessarabiens

 

Die Entwicklung in den bessarabiendeutschen Gemarkungen

wurden vorrangig durch ihre geschlossene Siedlungsweise und eigene Lebensform geprägt. Ihre  mitgebrachten Traditionen, Brauchtum, Sitte und Religiosität bildeten das Fundament in dem “Vielvölkerstatt Russland”.  In besonderer Weise standen diese herausragenden Tugenden für eine gelingende Zukunft des Bessarabiendeutschen. Nach ihrer Ankunft in Süd- Bessarabien, folgten sie den Jahreszeiten mit dem natürlichen Ablauf der Natur „Sonne und Erde“. Mit unermüdlichem Fleiß, großer Ausdauer und ihrem angestammten Wissen, legten sie den Grundstein für ihre neue Heimat. Über fünf Generationen bezwangen die Bessarabiendeutschen ihre Schwarzmeersteppe. Stets angetrieben in demutsvollem, unerschütterlichen Glauben an den “Schöpfer dieser Erde“.

Verwildertes Steppengras

Anfänglich war es ohne geeignete Verkehrsmittel, landwirtschaftliche Geräte und entsprechende Zugtiere, fast unmöglich die zugeteilten verwilderten Steppenflächen zu bewirtschaften. Mit bis zu „66 ha, pro Familie“ , je nach Anzahl der Bewohner einer Gemarkung, und einem von 1 ha beinhaltendem Hofplatz, standen sie vor kaum zu bewältigenden Herausforderungen. So Trinkwasser vorhanden und der Wasserstand nicht zu tief lag, erfolgten die Ansiedlungen der Dörfer inmitten der zugewiesenen Gemarkungen.Bei Besiedlungen in den Flussniederungen war die Trinkwasserfrage zwar geregelt, aber die Anbauflächen lagen weit außerhalb der Gemarkungen. Um dort das wilde Steppenland für die Aussaat vorzubereiten, galt es Anfahrtswege von teilweise mehr als zehn Kilometern zurückzulegen.

Neuerungen im Handwerk

Abgesehen davon fehlte es den Bessarabiendeutschen an geeigneten Zugtieren und starken, einsetzbaren landwirtschaftlichen Geräten. Zumal diese in den ersten Jahren der Besiedelung, wenn überhaupt, nur in einem sehr minderen und bescheidenen Umfang vorhanden waren. Deshalb befassten sich die Bauern anfänglich mehr mit Viehzucht und dem Fortschritt an Neuerungen ihres Handwerks. Vom Mangel in allen Bereichen ihres neuen Steppenlebens getrieben, entfalteten die Bessarabiendeutschen ihr mitgebrachtes Potential an einer Vielzahl an Möglichkeiten in fortwährendem Wachsen.

Die Leidenschaft galt ihren Pferden

Besserabiendeutscher Kolonistensohn aus Brienne: August Kuch, mein Vater

Der mit Pferden verbundene Kolonist widmete sich anfänglich besonders der Aufzucht feuriger Pferderassen in Bessarabien. Ebenso setzte sich dieser Trend in der Schaf-, Rinder- und Geflügelaufzucht fort. Auf den gemeinschaftlich genutzten und ortsnahen Weideflächen graste ihr Hornvieh, bewacht durch einen Hirten. Vor Sonnenuntergang fand ein jedes ihrer Tiere in seinen Stall zurück. Des morgens früh führte der Hirte die Tiere wieder hinaus zum Grasen, in die Steppe. Andere Gemarkungen, entsprechend ihrer Lage und Bodenbeschaffenheit, investierten vorrangig in den Wein- und Obstanbau.

Mit kräftigen Pferden, entsprechenden Gerätschaften und dem „Steppenwagen” ausgestattet, entwickelte sich immer mehr die Landbewirtschaftung

Steppenwagen sgn. Langwagen

Steppenwagen sgn. Leiterwagen

Mit den nun erforderlichen handwerklichen Gerätschaften, ihren kräftigen Pferderassen vor einem eigens für die Unwegbarkeiten der Steppe gebauten Pferdewagen, dem sogenannten “Steppenwagen“, war es dem Bessarabiendeutschen nun möglich seine weit entlegenen Ackerflächen zu erreichen und zu bewirtschaften. Oft um zwei Uhr früh fuhren die Bauern mit Pferd und Wagen, ihrer Steppenkiste und entsprechenden Ackergeräten beladen, einem harten und langen Arbeitstag entgegen. Bei Morgengrauen konnte mit der Feldarbeit begonnen werden. Der Acker- und Getreideanbau in Bessarabien, wurde mit den Jahren stetig intensiver betrieben. Teilweise auch unter Hinzunahme ihrer Weideflächen. Gemäß der dann noch zur Verfügung stehenden Fläche wurde der Viehbestand angepasst.

Die Erweiterung der Eisenbahnlinie

Erst die Erweiterung der Eisenbahnlinie in Süd- Bessarabien verband die Steppendörfer dichter miteinander. Die Handelsmetropole, der Hafen von Odessa, diente dem Getreide-Export in andere Länder. Immer mehr blühte der Export ihrer landwirtschaftlichen Erzeugnisse in andere Länder auf.

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Arzis

Torbogen am Fiedhof in Arzis/Bessarabien . Der Torbogen mit der Inschrift wie einst vor der Umsiedlung ist wieder aufgestellt                      

Arzis, Kolonie No. 14

am Tschaga und Kogälnik

Arzis/Bessarabien. Die Kolonie No. 14 an der Eisenbahnlinie von Leipzig bis Akkerman-Odessa.
Mit seinem einst dominierenden Markt, den Fabriken, Handwerksbetrieben und der Landwirtschaft war Arzis ein wirtschaftlich bedeutender Flecken in Bessarabien. Der alte Marktflecken Arzis war das Gebietsamt.

Ebenfalls bildete die Waisenkasse den Mittelpunkt für die Dörfer Teplitz, Paris, Brienne und Gnadental. Arzis war das Zentrum von elf ehemaligen deutschen Muttergemeinden wie u.a. Alt Elft, Neu Elft, Paris, Friedenstal, Neu Arzis und Brienne.

Zur Erinnerung an den Sieg der verbündeten Mächte über Napoleon bei Arcis in Frankreich 1816, erhielt die Steppe No. 14 ihren Namen “Arzis” zur Gründung.          Nur langsam wichen die Ansiedlerhütten aus Lehm und Strohgeflecht den mit Rohr gedeckten Steinhäusern in der Kolonie No.14.

Erst nach den furchtbaren Heimsuchungen durch die Pest im Jahre 1829 und die Cholera im Jahre 1831 erfolgte der wirtschaftliche Aufschwung mit der inneren Erneuerung der Ansiedler.

Wegen der Bodenbeschaffenheit und Lage begann man in der Kolonie Arzis mit Wald-, Obst- und Rebenbepflanzungen. Gute Ernten waren die Folge, zufriedenstellend die Qualität der Früchte und des Weines.

4290 Deßjatinen / 5362,80 Hektar Land gehörte den Alt-Arzisern. Dieses bewirtschafteten sie mit Fleiß und Sparsamkeit und ermächtigte sie zum Kauf von 660 Deßjatinen fruchtbaren Ackerlandes auf der Bulgarensteppe, die weit bessere Ernten erbrachte.

Als Marktflecken war Arzis über die Grenzen Bessarabien bekannt. An Markttagen strömten von allen vier Himmelsrichtungen aus Wolhynien, Rumänien und Bulgarien die Wagen heran. Lebhaftes Markttreiben an jedem zweiten Dienstag des Monats und später sogar an jedem Dienstag. Es war der größte Pferdemarkt in ganz Südbessarabien. Die „hell klingenden“ Teplitzer Wagen waren in ganz Südrussland bekannt.

Arzis unter Wasser

Fast alljährlich trafen zwei Steppenflüsse der Kogälnik mit seinen über die Ufer getretenen Wassermassen aus Leipzig kommend und der Tschaga wie ein reißender Gebirgsstrom aus Klöstitz mit ihren gefährlichen Wassermassen in Arzis/Bessarabien  aufeinander. Mit tosender Gewalt Eisschollen, Balken, Stroh und Maisstengelschober mit sich führend versetzten sie die friedliche Kolonie Arzis in Angst und Schrecken und hinterließen große Verwüstung.

Arzis/Bessarabien. Die Kolonie No. 14 an der Eisenbahnlinie von Leipzig bis Akkerman-Odessa

Mit ihrem guten Geschäftssinn erbauten die Arziser nach dem Ersten Weltkrieg  Geschäfts- bzw. Verkaufshäuser, wodurch gute Pachteinnahmen durch ihre Vermietung und die Einnahmen von Standgebühren durch die Marktständler erzielt werden konnten.

Den Gemeindegliedern brachten diese Wirtschaftseinnahmen große Entlastungen, sodass die Gehälter der Pfarrer und Lehrer sowie sonstige Abgaben fortan von diesen zusätzlichen Einnahmen beglichen werden konnten.

Arziser Bahnhofsgebäude

BahnticketEisenbahnticket von Arzis nach Odessa für Christa Hilpert-KuchBahnticket von Arzis nach Odessa für Christa Hilpert-Kuch

Hilpert-Kuch löst sich ein Bahnticket-  am Bahnhof Arzis

Einen kolossalen wirtschaftlichen Aufschwung brachte der Bau der Eisenbahnlinie von Leipzig bis Akkerman im Jahre 1915. Arzis/Bessarabien bekam eine eigene Bahnstation.

Erfolgreich bahnte Arzis seinen Weg zur einer Wirtschaftsmacht, Industriezweige entwickelten sich aus dem Handwerk.

Mit seinen Millionenumsätzen hatte der Wirtschaftsverband ab 1920 seinem Sitz in Arzis und somit das wirtschaftliche Zentrum des deutschen Siedlungsgebietes.

Vertreten mit Industrie und Handel, Fabriken zur Herstellung landwirtschaftlicher Maschinen, Tuchfabrik und Färberei, Weberei, chemisches Labor, Tuchhandlung, Kurzwaren-, Uhren- und Musikfachgeschäft, Metzgereien, Lebensmittelgeschäft und Buchhandlungen.

Kirche Arzis

Bis zur Einweihung der ersten Kirche im Jahre 1838 wurde der Gottesdienst in Bauernhäusern abgehalten.

Erst im Jahre 1880 wurde eine geräumige Kirche im romanischen Stil mit 800 Sitzplätzen und einer großen Orgel erbaut. Die unübersehbaren Mauerpfeiler zur Einfriedigung der stattlichen Kirche sind heute noch zu besichtigen.

Ebenso gehörte die Männerabteilung des Sarataer Alexander-Asyls zu Arzis. Das Männer-Asyl wurde im Jahre 1886 in Arzis errichtet und 1940 im Jahre der Umsiedlung erweitert.

Eine hohe Priorität in Arzis/Bessarabien hatte das  fördernde Schulsystem. Bis zur Errichtung der ersten Schule im Jahre 1834 wurde in den Anfangsjahren in Bauernhäusern der Unterricht abgehalten. Schon im Jahre 1842 wurde diese erste Schule durch eine größere mit einer Lehrerwohnung ersetzt. Erweiterungsbauten folgten dann im Jahre 1859 und im Jahre 1891 mit einer zusätzlichen Küsterwohnung. Für sämtliche Lehrer wurde je eine eigene Wohnung errichtet.

Pastorat

Ein Beschluss der Gemeinde im Jahre 1930 führte zu einem mitten im Dorf erbauten großen Schulgebäude mit sechs Klassen.

Eine beachtliche Anzahl von 17 Lehrkräften wurden im Jahre 1940 gezählt. Hinzu kam in den Räumen des ehemaligen Gebietsamtes die „Landwirtschaftliche Schule“ für die Ausbildung junger Bäuerinnen und Bauern in Bessarabien

Mit Tatkraft und Weitblick und einer fast ununterbrochener Bautätigkeit erlangte Arzis/Bessarabien seine Größe und Bedeutung.

 

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Was unsere Ahnen alles konnten

Was unsere Ahnen alles konnten Teil 1

Bessarabien

Vortrag von: Christa Hilpert-Kuch

Niedersachsenhof Verden, 10. Dezember 2017

 

 

Christa Hilpert-Kuch bei der Begrüßung

Christa Hilpert-Kuch bei der Begrüßung

Was unsere Ahnen alles konnten. Als Lehrmeister wurden unsere Vorfahren durch Alexander den I. einst in die Steppe gerufen. Dort haben sie alle ihre Aufgaben im Glauben und der Hoffnung auf Gottes Rat: „Bete und arbeite“ hervorragend erfüllt. So las ich es in dem Buch von Dr. Gottlieb Hahn, verfasst noch in Bessarabien, sechs Jahre vor der Umsiedlung im Jahre 1934…https://www.bessarabien.blog/adventstreffen-der-bessarabiendeutschen-im-niedersachsenhof/

Mit ihren 150 stolzen Dörfern bezwangen unsere Vorfahren unter extremsten Umständen die karge russische Steppe und machten sie zur Kornkammer Europas.

Nur wenige unter den ersten Ansiedlern hatten ihre Pferde nach Südrussland mitgebracht. Man musste sich deshalb in der Anfangszeit zunächst mit Ochsen und Kühen vor dem Pflug behelfen

Erst später, im Laufe der Zeit änderte sich das grundlegend und das Pferd wurde zum unentbehrlichen Helfer

Die Kolonisten vollbrachten mit dieser großartigen Leistung in der neuen Erde ein großes Werk.

Nur kurz ließ der wirtschaftliche Aufstieg in den deutschen Siedlungen auf sich warten.

60 Jahre später war dieses geschehen.

Wie von Zauberhand erhob sich eine blühende Ansiedlung nach der anderen wo früher weder Gras noch ein Strauch an den Wald erinnerte. Ganze Haine von Obst-, Maulbeer- und Waldbäumen, üppige bearbeitete Wiesen mit Schafherden, Hornvieh und Pferden verschiedener ausgezeichneter Rassen wurden von reichlichem Brunnenwasser versorgt.

In dem trockenen Steppenklima schien nichts unmöglich. Das Getreide wuchs und reifte um sich herum, die Seidenraupen spannen und Bäume erhoben ihr Haupt. Zu den fruchtbarsten Ackerböden , die keiner Düngung bedarf, zählt die glänzende schwarze Erde.

Schwarze Erde

Dass die Deutschen voller Kraft eine eigene Welt unter dem östlichen Himmel schufen war der deutschen Selbstverwaltung und dem humusreichen Erdreich am Schwarzen Meer zu verdanken.

 

Ihren besonderen privilegierten Stand kirchlich und national erreichten die deutschen Kolonisten in Russland durch ihre eigene Selbstverwaltung. Vom Jahre 1763 bis 1871 (solange hatten sie ihre eigene Selbstverwaltung inne) hat das deutsche Leben unter einem sehr glücklichen Stern gestanden.

Die landwirtschaftlichen Vereine mit ihren 59 Statuten wurden erst ab dem Jahre 1850 eingeführt und wirkten sehr segensreich in den Dörfern. Sie legten Obst- und Weingärten und Waldplantagen an. Auch zur Veredelung der Pferde, Vieh- und Schafrassen trugen die Vereine bei. Desweiteren für Sittlichkeit und Fleiß unter den Bauern, für Arbeitergesetze, Aufsicht der Waisen, Verbesserung des Häuserbaus und musterhaften Anlagen und Ausbau der Dörfer mit zweckentsprechenden Schulhäusern u. v. m. .

Eine große Stütze der Landwirtschaft war das Handwerk. Ein hoher Bevölkerungsanteil, zweiundachtzig Prozent der Russlanddeutschen waren hauptsächlich in der Landwirtschaft tätig. Eggen, Putzmühlen, Wagen, Häckselmaschinen, Seidespinnapparate und andere landwirtschaftliche Artikel und Erzeugnisse stellten die russlanddeutschen Handwerker schon im Jahre 1852 her.                 

Odessa, die junge Stadt und die deutschen Handwerker

Odessas Philharmonic Theater

https://www.bessarabien.blog/was-unsere-ahnen-alles-konnten-2/

Den Städten Südrusslands waren die deutschen Handwerker von großem Nutzen. Ganz auf den Schultern des deutschen Handwerkers stützt sich der Aufstieg der noch jungen Stadt „Odessa“.Zu rascher Blüte verhalf die in den 1860er Jahren einsetzende rege Schifffahrt. Ihr gesamtes Getreide verfrachteten die Regionen Cherson und Bessarabien über Odessa.

Beachtliche Erträge wurden im Jahre 1852 durch das Ackerland, die Schafzucht an Wolle und der Seidenbau in den deutschen Kolonien erbracht..

Eine wohlwollende Staatsregierung und eine gut geschulte Selbstverwaltung gepaart mit deutschem Fleiß und Ausdauer leisteten in diesem Tatarenland „Unübertreffliches“.

In die fruchtbare Steppe Russlands legten unsere Vorfahren die Samenkörner ihrer westeuropäischen Kultur und gaben ihr damit Leben und Fruchtbarkeit. Ein hohes Maß verschiedener Viehzüchtungen und ein vielfältiger Ackeranbau erforderten ein hohes Maß an Wissen und Schaffenskraft.

In allen landwirtschaftlichen und handwerklichen Fertigkeiten zeigte sich ihre Beweglichkeit.

Wegen der baumfreien Landschaft bezeichneten sie ihre weit von den Siedlungen entfernten Ackerflächen als Steppe.

Für den Hauptanbau auf ihren Feldern an Getreide, Mais, Hülsen-Soja und Ölfrüchte, benötigten die Bauern ihre Pferde. Mensch und Tier verbrachten geraume Zeit allein bei der Feldarbeit mit Pflügen, Säen und Ernten miteinander. Sie waren ihre Arbeitskameraden und ganzer Stolz und deshalb weniger Mittel zum Erwerb.

Zu einem flurierenden Bauernbetrieb gehörten drei bis sechs Pferde.

Die Landwirtschaft und der Weinanbau

Der Weinanbau brachte vor allem wirtschaftlichen Erfolg. Günstige Anbaubedingungen boten besonders die flachwelligen Hänge des Hügellandes. Auf ihrem Hofgrundstück baute jede deutschstämmige Bauernwirtschaft Wein für den Eigenbedarf an.

Mit eigenem Obst-, Gemüse- und Krautgarten war zum größten Teil jeder Bauernhof Selbstversorger. Als Brennmaterial diente der anfallende Dung aus der Tierhaltung. Wegen der hohen Bodenfruchtbarkeit wurde dieser nicht benötigt und für den Winter zum Heizen getrocknet. Das feinwollige Karakulschaf der weitverbreiteten Schafhaltung war besonders von den männlichen Siedlern für die Herstellung der typischen schwarzen Pelzmützen begehrt. Eine Selbstverständlichkeit auf jedem Hof war die Federviehhaltung. An einer bis zu 50 Meter breiten von Akazien gesäumten Straße lagen ihre Bauernhöfe in den Kolonistendörfern. Im zentralen Dorfbereich, dort wo sich die Kirche oder das Bethaus befand wurde die breite Straße oft nur durch eine Quer- oder Kreuzstraße gekreuzt.

Dorfplan von Arzis

Durch die innere Kolonisation wurde das deutsche Element zu einem wahren Kulturelement Russlands.

Noch heute leben und profitieren in den ehemaligen Ansiedlungen der Deutschen andere gemischte Volksgruppen und profitieren von ihren Vorgängern

Schule und Kirche

Der Steppendom in Sarata

Die autonome Kirche und Schule gehörte vor allen Dingen auch zur eigenen Selbstverwaltung der Siedler.  Mit der Errichtung stolzer Kirchen wetteiferte man sogar untereinander.  In dem Bau eines eigenen Gottes- bzw. Bethauses waren auch arme Gemeinden bestrebt. Unter dem Kirchdach blieben die Siedler nicht nur fromm, sondern auch deutsch. Unter dem Schutze der Kirche standen die Sprache, Sitten und Bräuche. Neben dem kirchlichen Leben blühte auch das Schulische. Fleißige Arbeit leistete die Kirchenschule in jedem Dorf und verlangte eine strenge Schulpflicht.

In späteren Jahren wurden die strengen Schulregeln für den Schul- und Katechismusunterricht den bäuerlichen Erfordernissen mit der erforderlichen Kinderarbeit für Haus und Steppe angepasst und bei Verstößen mit hohen Geldstrafen an die Eltern, Vormünder oder Erzieher geandet.

Sogenannte Zentralschulen wurden in größeren deutschen Gebieten gegründet, die Lehrer für die Gemeinden heranbildeten.

Aus den Kolonistenknaben sollten Landmesser und Architekten, tüchtige Lehrer und Schreiber für die Dorfschulen und Dorfämter herangebildet werden. Dieses hatte sich die Wernerschule von Sarata zur Aufgabe gestellt

Der junge Kolonistensohn wurde neben der Schule auch gleichzeitig für den landwirtschaftlichen Beruf erzogen.

Was unsere Ahnen zuwege brachten

Beinahe ungestört bis zum Jahre 1871 konnten sich die Kolonien wirtschaftlich und kulturell entwickeln. Der innere Ausbau der Dörfer war gerade um diese Zeit vollendet. Alles stand im Zeichen der höchsten Blüte. Unübertroffen stand in der Welt da, was deutsches Können unter dem russischen Himmel zuwege gebracht hatte.      Was unsere Ahnen alles konnten:               Wunderschöne und stilvolle deutsche Dörfer legten ein Zeugnis geleisteter Kulturarbeit ab. Wogende Weizenfelder überzogen die Steppenerde und hatten die Schwarzmeersteppe in ein fruchtbares Land verwandelt.

Der russische Bauer stand staunend davor, zu groß und für ihn nicht nachvollziehbar kam ihm das alles vor und schürte natürlich auch den Neid.

Was unsere Ahnen alles konnten. Eine große Epoche war bis zu diesem Jahr 1871 abgeschlossen. Mit schwerwiegenden Folgen schlug das verständnisvolle Russland der Vergangenheit ganz neue Töne an. Das Versprechen Alexander des I. wurde mit dem Raub der Privilegien aufgehoben.

Mit der Vernichtung des Fürsorgekomitees und der Auflösung der deutschen Verwaltungsbehörde, schlug man den Siedlern den geistigen Kopf ab.

Sogleich wurde die russische Sprache in den deutschen Dorfkanzleien eingeführt und fortan waren ihre Ansiedlungen dem russischen Verwaltungskörper unterstellt.

Durch die erfolgte Russifizierung wurde den Deutschen jegliche Aussicht auf eine gute Zukunft ohne ihre Denker genommen.

Grosse Auswanderungswelle um 1874

Ein Sturm der Entrüstung ging mit der Ausdehnung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 1874 durch die Dörfer und hatte eine große Auswanderungsbewegung zur Folge.

In der Hauptsache waren Nordamerika mit Nord- und Süd-Dakota, Nebraska, Oregon, Kansas, Ohio, Kanada u.a.die Auswanderungsziele. Der in Amerika lebenden Russlanddeutschen zählte man im Jahre 1934 auf 500 000 Seelen.

Auch eine Rückwanderung nach Deutschland setzte im Jahre 1900 ein.

In der Führung deutsch blieb die Dorf- und Gebietsverwaltung, wenngleich auch die Kanzleibücher russisch geführt werden mussten.

Autonom in jeder Hinsicht blieb die Kirche, die beste Hüterin deutscher Eigenart, deutschen Selbstbewusstseins und strenger deutscher Sitte. Nicht die Schule sondern die Kirche war die Hauptstütze und Trägerin deutschen Wesens auf russischer Erde.

Im August 1914 wurden die Deutschen aus ihrer Arbeit gerissen. Mit dem Krieg von 1914 bis 18 stand den Deutschen ein schwerer Gang bevor. Niemand glaubte das diese Leidenszeit vier Jahre andauern würde und die fruchtbare Erde vieler deutschen Bauern zu ihrem Massengrab und Todesacker wurde.

 

Ein hochragendes Ehrenmal am Ortseingang von Klöstitz mit Namen deutscher Kriegsopfer aus dem 1. Weltkrieg erinnert heute noch daran.  Not und Sorge stürmte über das Deutschtum herein. Im Kaukasus mussten viele deutsche Väter und Söhne an Typhus und von Kugeln getroffen sterben.

Wie schrecklich die Fremde ohne jeglichen Schutz sein kann, merkte man jetzt.

Mit dem Sturz des Kaisers im Frühjahr 1917 endete der Druck von oben. Das dem Zerfall anheim gefallene kolonistische Leben galt es nun wieder aufzubauen.

Es kam die Wende.                                                                                                                 Die Rumänen rückten im Dezember 1917 nach Bessarabien ein und retteten über Nacht das bessarabische Deutschtum vor dem Untergang. Auf russischer Erde war eine Epoche deutschen Werdens zu Ende gegangen.

Bessarabien musste von den anderen unglücklichen deutschen Schwarzmeer-Brüdern und Schwestern Abschied nehmen.  Die Bessarabiendeutschen konnten ihnen nicht mehr helfen.

Eine Weiterentwicklung von den blühenden deutschen Kolonien am Schwarzen Meer war nur den bessarabischen deutschen Siedlern durch die Einverleibung an Rumänien beschieden.

Der Volksrat und der Wirtschaftsverband wurde nach dem Krieg in Bessarabien für die Überwachung der völkischen und der wirtschaftlichen Belange geschaffen.

Im Gebiet Handel und Gewerbe wird von einer an die Scholle gebundene Masse nicht so schnell heimisch.

Eine an die Scholle gebundene Masse wird auf dem Gebiet des Handels und Gewerbe nicht so schnell heimisch.

Eine zielgerichtete Erziehung der Jugend sollte deshalb in diesem Sinne neue Entwicklungsmöglichkeiten und neuen Lebensraum bringen.

Was unsere Ahnen alles konnten. Für eine rationelle Landwirtschaft und Gewerbe waren zweckentsprechende Schulen in Arzis die Folge.

Das Tarutinoer Knaben- und Mädchengymnasium und das Knabenseminar von Sarata wurden in eine deutsche Lehranstalt umgewandelt. Die Dorfschulen früher von den Kirchengemeinden getragen, gingen an den Staat über und verloren damit ihre Autonomie bis zur Umsiedlung im Jahre 1940.

Soviel in Kurzform_ Was unsere Ahnen alles konnten:  zur Geschichte der Russlanddeutschen, insbesondere der Bessarabiendeutschen Einwanderer.

Bessarabienreise-zu-unseren-Vorfahren

Titelfoto “junge Bessarabienreisende”:

BU:  Meine Tochter Kathrin Leonard geb. Hilpert und mein Schwiegersohn Stuart Leonard

Bessarabienreise-in-das-Land-unserer-Vorfahren

von:   Christa Hilpert – Kuch:  “Erinnerungskultur Bessarabien”

Besonders jungen Interessierten wird in dieser Erinnerungs- und Unterhaltungsliteratur (kein wissenschaftliches Buch) “Bessarabienreise-in-das-Land-unserer-Vorfahren”  ein Einblick in die bessarabiendeutsche Geschichte gewährt .

“Erinnerungskultur Bessarabien”: Mit den erzählten Erinnerungen in diesem Buch ” Bessarabienreise-in-das-Land-unserer-Vorfahren ” verbinde  ich einen ganz besonderen Herzenswunsch:

“Bessarabien nicht vergessen” !    

Es soll vorwiegend die  junge und nachwachsende Generation (s. Titelfoto) erreichen.

Insgesamt machte ich bereits fünf Reisen in die Heimat meiner Ahnen. Aber erst während der Reise mit Dr. h.c. Kelm wurde mir bewußt, dass es nach ihm für mich niemanden mehr geben wird, welcher mir Bessarabien transperenter schildern würde können. Diese Reise war für mich eine der wertvollsten Erfahrungen, neben den Schilderungen meiner Großeltern in meinem Elternhaus in Niedersachsen, welche ich in Bezug auf Bessarabien überhaupt machen konnte. Seine wertvollen Schilderungen wurden von mir während unserer privaten vierköpfigen Bessarabienreise durch die Ukraine und Moldawien im Juni und Dezember 2015 festgehalten und zu einem kleinen Reiseführer verfasst. Während sich die Ukraine im Krieg mit Rußland befand reiste ich sicher an der Seite des Bessarabienkenners und profitierte von seinem Wissen und seinen weitreichenden Verbindungen über Land und Leute. Dieses kleine Buch soll neugierig machen und das Interesse auf die Urheimat Bessarabiens wecken.

Geboren wurde Dr. h.c. E. Kelm im Jahre 1929, in     Friedenstal – Bessarabien

Heutiger Namme:            Mirnopolje/Ukraine

Weit mehr als 100 000 Reisende aus der gesamten Bundesrepublik Deutschland profitierten seit nunmehr  fünf Jahrzehnten von seinen Erfahrungen und Erinnerungen auf seinen Studienfahrten durch Bessarabien.

Mit diesem Bessarabienkenner reiste zunehmend nach den Bessarabien-Geborenen, die interessierte Kinder- und Enkelkinder-Generation durch die ehemaligen deutschen Dörfer.

Eine besondere Stärke Dr. Kelms lag in seiner Begeisterungsfähigkeit und seiner unermüdlichen Tätigkeit als Brückenbauer.

D r. h.c. Edwin Kelm unternahm seine erste Bessarabienreise im Jahre 1966 gemeinsam mit seiner leider im Jahre 1911 verstorbenen Ehefrau Olga. In dem privaten PKW fuhr er von Möglingen über Wien, Budapest, Odessa, Klausenburg, Hermannstadt, Kronstadt, Bukarest, Galaz an die rumänische Grenze bei Husi. Rumänische und russische Grenzbeamte äußersten sich erstaunt über seine im Sperrgebiet liegenden Reiseziele Chisinau, Odessa sowie Friedenstal und Fürstenfeld, die Geburtsorte der Eheleute Kelm.

Zu sowjetischer Zeit stellte dieses herausragende Unternehmen eine wahre Meisterschaft und ein wagemutiges Abenteuer dar.

Rundreise-Bessarabien-Land-unserer Vorfahren.
Bis zum Jahre 1978 sollten noch weitere acht Reisen in privaten PKWs folgen.
Dann kam der Durchbruch!
Mit Reisebussen führte Dr. Kelm bis heute unzählige Landsleute aus der Bundesrepublik wie aus Übersee in ihre heimatlichen Geburtsorte.
Als heutiger Ehrenbundesvorsitzender und Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Bessarabiendeutschen von 1982 bis zum Jahre 2002, leistet er über Jahrzehnte außergewöhnliche Projekte für die heute dort lebende Bevölkerung der Ukraine und Moldawien.
Im Rahmen der Völkerverständigung führte der gebürtige Friedenstaler bis heute  tausende Touristen sicher durch Bessarabien. Auf seinen Studienreisen wird er seit 24 Jahren von seinem Mitarbeiter und Assistenten Valeri Skripnik unterstützt. Der Bauingenieur Skripnik lebt in einem schmucken Einfamilienhaus in  Akkerman, Bilhorod-Dnistrovskyi ,  in der Puschkinstraße mit seiner Familie.    In klimatisierten und technisch einwandfreien Reisebussen vermittelte Edwin Kelm die Kultur- und Zeitgeschiche der bessarabiendeutschen Epoche von 1814 bis 1940. Seine unermüdliche Lebens- und Schaffenskraft und die Begeisterung für das ehemalige und heutige Bessarabien sind ungebrochen. Da ist es nicht erstaunlich, dass er bei seinen Studienreisen alle Altersgruppen für Bessarabien begeistern konnte und sie in seiner Liebe zu Bessarabien mitreißen konnte.
So erlebte ich den durchsetzungsstarken damals 87-jährigen inmitten der Steppenlandschaft in bewundernswerter Leidenschaft für Bessarabien.