Kindheitsträume

Kindheitsträume der ersten Lebensjahre in Bessarabien.Wohlbehütet in der Kinderplacht

Eltern und Großeltern hatten in Bessarabien ein zuversichtliches Lebensgefühl. Der Sinn des Lebens war durch ihren Glauben und die bäuerlichen Verhältnisse geprägt. Diese Grundwerte übertrugen sie auch auf ihre Kinder und die Jugendlichen.

In den Kolonistenfamilien war Kinderreichtum ein natürlicher Wunsch. Getragen und gehalten, fest gewickelt in eine Placht, am Herzschlag der Mutterbrust, erlebte der Säugling die göttlichen Ordnung im Rhythmus, der Nähe und Zuneigung der Mutter. So konnte auf diese Weise eine enge Mutter- Kind-Bindung entstehen und entscheidend zur Festigung eines gesunden Urvertrauens beitragen. In einer klaren Rollenverteilung, waren der Haushalt und die Kindererziehung reine Frauensache. War das Kleinkind von der Mutterbrust entwöhnt, wurde überwiegend die Betreuung durch die älteren Geschwister übernommen. Kindergärten waren nur in ganz wenigen Kolonien vorhanden. Ebenso verhielt es sich mit der Kleidung der älteren Geschwister, in welche die jüngeren nach und nach hineinwuchsen. Auch das selbst gefertigte Spielzeug wurde durch die verschiedenen Altersstufen in der Kinderschar weitergegeben. In ihren unbeschwerten Kindheitstagen streunten die Kleinkinder barfuß an den langen Sommertagen auf den Höfen mit der Sommerküche, dem Garten oder in der Umgebung umher. Badevergnügen am SteppenflussZu ihren Kindheitsträumen gehörte auch eine heile Tier- und Pflanzenvielfalt. Heller und bunter Vogelgesang, Schilfrohr, Binsen und Hartgräser an Bächen und Tümpel, lieferten inmitten einer intakten Natur, reichlich sinnvolle Entwicklungsspielräume. An heißen Sommertagen boten die Steppenflüsse mit ihren breiten Ufern an den Kolonistendörfern, allerlei Vergnügen für jung und alt.

Das Gänsehüten

Zu einer der schönsten Erinnerung vergangener Kindheitsträume gehörte auch das sorgenfreie Gänsehüten. Es war eine der ersten Aufgaben des Kindes und diese war gleichsam mit großer Freude und Spaß verbunden. Denn für die auf der Gänseweide zusammenkommenden Buben und Mädchen, war es mit allerlei Kinderspielen, wie z. B. der „Sauhirt“, u. v. m. verbunden. Ganz nebenbei bereitete es häufig große Mühe, die auf Wanderschaft bedachten Gänsemütter mit ihren Küken in der Nähe zu halten. Gern erinnert man sich an die vielen Akazienbäume mit ihrem wohlschmeckendem Blütennektar. Weitere beliebte Köstlichkeiten des Sommers und auch ein Ersatz für Süßigkeiten boten die ausgegrabenen Süßholzwurzeln, ein Stückchen Zuckerrohr, verschiedene Früchte aus dem Sommergarten wie u. a. die vollreifen Aprikosen, oder die allersüßesten Melonen. Gerade die „Arbusen“ hatten es den Kindern angetan und wurden gegessen, bis der Bauch sich wölbte. Ebenso waren die von den Dächern herabhängenden Eiszapfen im Winter ebenfalls begehrter Zeitvertreib und diente als Lutschstange.

Die wichtigste Mahlzeit des Tages war das Mittagessender ganz selbstverständlichen bessarabischen Bio-Küche- ohne lange Transportwege. Auf diese kulinarischen und saisonalen Besonderheiten eines gemeinsamen Mahles freute sich die ganze Großfamilie. Die Nahrung war ohne Düngung und frei von jeglichen Zusätzen. Eine einzigartige Mischung, aus dem Schwäbischen, Russischen, Ukrainischen, Rumänischen und anderen fremdstämmigen Mitbewohnern. Ihre Weizenfelder füllten ihre Mehltruhen und die Geflügel und Haustierhaltung versorgte die Familie mit Eiern, Milch und Fleisch. Waren Verwandte zu Besuch auf dem bäuerlichen Hofe, fand sich die Kinderschar glücklich und zufrieden an den separaten sogenannten „Katzentischen“

zum gemeinsamen Mahl. Welch eine Freude…..!

Aus den Überlieferungen der Generationen in Bessarabien,

hatten die Kinder zu gehorchen, sich brav und ruhig zu verhalten und nicht den arbeitenden Erwachsenen im Wege herumzustehen. Durch die patriarchalische Ordnung, in der die Deutschen in Bessarabien lebten, geprägt von harter Arbeit und Sparsamkeit, erfuhr die Kinderschar „vom Vadder“ , durch seine harte Hand und oft viel zu früh, eine Vorbereitung auf ihre zukünftige Lebenswirklichkeit. Auch heute noch sprechen die betagten Alten über ihre unbeschwerten Kindheitstage in der alten Heimat, insbesondere im Vorschulalter. Mit verträumten Blicken beginnen sie zu schwärmen und lassen ihre Kindheitsträume wieder aufleben. Oft heißt es dann: „Was hatten wir doch für eine wunderschöne Kindheit, in Bessarabien. Und diese tief verwurzelten Erinnerungen hätten sie stets begleitet und durch viele Höhen und Tiefen ihrs Lebens getragen“.

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Gesellschaftliche Stellung der Frauen in Bessarabien

Bauernhaus in Lichtental Wie war die gesellschaftliche Stellung der Frauen in Bessarabien? Welche Rolle nahmen die Bäuerinnen in der 125-jährigen Siedlungsgeschichte in Bessarabien ein? Definierten sie sich nur über das Weben, Stricken oder Nähen? Oder waren sie nur einfach, schlicht und fromm?

Christina Kuch, Eltern Volz+Breitmeier27.5.1887, Großmutter von Christa Hilpert-KuchWeit über dieses hinaus bekannten sie sich getreu und voller Pflichterfüllung zu ihrem eigenen Volkstum und zu ihrer Rolle als getreue Ehefrau, Hausfrau aber vorrangig als Mutter großer Kinderscharen, von bis zu zehn Kindern und mehr. In reiner Pflichterfüllung und Unterordnung war ihr Leben auf ihren Ehemann ausgerichtet. Ebenfalls sehr ernst nahmen sie die Verpflichtungen, ihre Kinder zu gläubigen, fleißigen und rechtschaffenden Menschen zu erziehen. Kinderreichtum war demzufolge in Bessarabien mit eigenen Arbeitskräften gleichzusetzen.  -Obendrein sahen sie ihre fortwährenden Schwangerschaften, „ohne zu klagen“, als Segnung Gottes und als Notwendigkeit im Kreislauf der Zeit bedingungslos an.   Beten, danken und arbeiten“ bestimmten ihren Tagesablauf – weit über Haus, Garten und Hof hinaus.  .


Frauen auf dem Feld in Brienne

Abgesehen von einer Minderheit bäuerlicher Betriebe, welche sich wirtschaftlich Dienstboten und Knechte erlauben konnten, musste die Mehrheit der Frauen, auch noch hochschwanger bis kurz vor dem Geburtstermin zur Saat- und Erntezeit, harte Männerarbeit auf den Feldern leisten. Durch ihre vielen Geburten, ohne ärztliche Versorgung, war die Sterblichkeitsrate der Ehefrauen und auch die der Kleinkinder entsprechend hoch. Im Folgenden blieben viele Kinder als Halbwaise – oder Vollwaise durch einen ebenfalls frühen Tod des Vaters zurück. Die hinterbliebenen Kinder wurden auf die Verwandten verteilt oder fielen einer Stiefmutter durch eine rasche Heirat des Vaters zum Opfer.   —Natürlich gab es auch Stiefmütter die sich liebevoll um die Kinder ihres neuen Ehemannes kümmerten.

          Heirat ohne Zwang

Immerhin wurde in Bessarabien keine Frau zur Heirat gezwungen. Sie hatte die Qual der Wahl:  – Entweder als Unverheiratete gesellschaftlich nicht zu existieren oder kindergebärend arbeiten bis zum Umfallen und dabei mittel- und rechtlos, aber an der Seite eines Mannes zu leben. Denn mit ihrer Heirat begab sich die Kolonistenfrau aus der Abhängigkeit ihres Elternhauses, freiwillig und direkt, in die eines in der Mehrzahl despotischen bessarabiendeutschen Mannes.

Infolge der Heiratsurkunde erging auch sogleich ihre elterliche Mitgift an das Vermögen des Gatten über. Sie selbst blieb in dieser Ehegemeinschaft „mittel- und rechtlos“!

Aug um Aug

standen die Kolonistenfrauen treu zu ihrem Volkstum und erkannten mit dem Einverständnis zur Ehe auch ihre große, entscheidende Rolle zu allem Geschehen in Bessarabien.  –Mit ihrem Fleiß, ihrer Körperkraft und ihren seelischen Stärken, beteiligten sie sich am Mehren des Wohlstandes ihrer großen Familie.

Unermüdlich bewegten sie sich in einem selbstlosen und überlebenswichtigen Einsatz zur bessarabiendeutschen Gemeinschaft. Neben der Hauswirtschaft mit Blumen-,Gemüse-,Obstgarten; dem Verarbeiten und Fermentieren von Obst und Gemüsesorten für den Winter; dem Brotbacken und Essen kochen für ihre großen Familien – auch in der beliebten Sommerküche; dem Wäschewaschen; am Spinnrad; dem Webstuhl; der Strick- und Näharbeit für die ganze Familie und für die Ausstattung im Haushalt; der mütterlichen Fürsorge für die große Kinderschar oder auf dem Dreschplatz, widmeten sie sich zusätzlich der umfangreichen Geflügel- und Schweinezucht sowie ihrer Molkereiwirtschaft. 

Bauerngehöft mit SchöpfbrunnenFrauen bei der Herstellung von Lehmziegel/Batzen

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 (Die Bäuerin hatte es im Winter umso schwerer)

Jeder Tag der Bäuerinnen war von morgens früh, bis abends spät, angefüllt mit wichtigen und lebenserhaltenden Aufgaben. Von ihrer Gesundheit und Schaffenskraft hing der Wohlstand ihrer Familie ab. Aber auch ihr eigenes gesellschaftliches Ansehen erwuchs darüber hinaus innerhalb ihrer Kolonistengemeinde.

Dieses erfüllte sie mit einem besonderem Stolz und es war ein verdienter Lohn für alle ihre Einsätze und Mühen.

Die gesellschaftliche Pflege über ihre Familie zu Freunden, Nachbarn und Verwandten waren für sie wichtige Kraftquellen. Für das gesellige Miteinander musste immer eine Zeitreserve bleiben.

Sprachlos über diese für mich „wahren Heldinnen der bessarabiendeutschen Siedlungsgeschichte“ verneige ich mich voller Hochachtung und frage ich mich:

Wie war es ihnen noch gelungen auf dem Hofbänkle an der langen Chaussee, ein Stündchen schwätzend mit dem Ehemann oder einer Nachbarin, zu verweilen?“

Christina Kuch, Eltern Volz+Breitmeier27.5.1887, Großmutter von Christa Hilpert-KuchChristine Kuch, geb. am 27.05.1887

Brienne/Bessarabien

Eltern: Katharina Breitmeier u.

Joh. Volz/

Großmutter von: Christa Hilpert-Kuch                     

Foto:1940 im Lager

 

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Dahoam – mit Pudelkapp und Fell-Gamaschen

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Dahoam – mit Pudelkapp und Fell-Gamaschen  Kalt war der Winter Dahoam in Bessarabien und soweit das Auge reichte zeigte er sich in einem weißen Kleide. Über Wochen bedeckte eine dicke Schneedecke die weite Steppe Dahoam in den deutschen Kolonien Bessarabiens. Die breiten und langen Chausseen in den Dörfern boten dem eisigen Wind einen kraftvollen Atem. Ungestüm pfiff er den Menschen um die Ohren und rieb der Bevölkerung rote Wangen ins Gesicht, unter ihrer Pudelkapp. Diese Färbung wurde allgemein als gesunde Gesichtsfarbe gedeutet, besonders wenn ein dicker Pelz den Körper warm einhüllte. Für trockene und warme Füße und Beine sorgten lange Fell-Gamaschen über dem Schuhwerk. Sie boten Schutz vor Frost und Schnee.

Viel zu hart war die Arbeit innerhalb des Jahres und nun wo die Feldarbeit ruhte, konnte sich der Bauer eine kurze Atempause gönnen. Besonders hingebungsvoll widmete er sich jetzt der besonderen Fellpflege seiner geliebten Pferde, „seine treusten Freunde“ und versorgte sie mit bestem Futter.  Nach getaner Stallarbeit hatte er Zeit und Muße sich im laufe des Tages mit seinen Freunden, Nachbarn und Bekannten auszutauschen.

Mit Pudelkapp und Fell-Gamaschen

fühlte er sich dem stärksten Schneesturm gewachsen. Bei seinen Besuchen erfuhr er Neuigkeiten aus der Gemeinde, tauschte sich über die Bearbeitung seines Ackerbodens aus oder erfuhr die neuesten Meldungen der soeben eingetroffenen Zeitung. Es wurde diskutiert und ausgetauscht. Und um die Freizeit so richtig zu genießen, zeigte sich die Bauer einer Einladung zu einem guten Wein nur selten abgeneigt. Es konnte geschehen, dass bei dieser Gelegenheit Zeit und Raum und die wartenden Lieben Dahoam vergessen wurden. Einen guten Vorrat besten Weines, aus dem eigenen Weinberg, konnte jedes bäuerliche Anwesen sein Eigen nennen. In großen Fässern lagerte der Wein in den tiefen Außenkellern und wartete auf den Verzehr. Bestens versorgt damit, durfte der Winter auch mal gern länger dauern. Diese Annehmlichkeiten der Winterzeit entschädigten so manchen Bauern für die großen Anstrengungen und Entbehrungen der vergangenen Monate.

Die Bäuerin hatte es im Winter umso schwerer.

Die Fertigstellung einiger Arbeiten während des laufenden Jahres mussten aus Zeitmangel auf die Wintermonate verschoben werden und das Stricken, Flicken, Reinemachen, Kochen, Waschen und vieles mehr gehörten ja ohnehin zu ihren täglichen Aufgaben, in ihrer Großfamilie.

Weitere Herausforderungen kamen jetzt zur Winterzeit auf die Kolonistenfrau hinzu.

Dabei war der gebrochene Flachs und Hanf aus der Sommerernte und wartete auf seine Verarbeitung. Das unermüdliche Surren des Spinnrades war im ganzen Haus zu hören. Viele  Säcke für die Ernte, Strohsäcke  für die große Familie und Plachten für den Dreschplatz mussten gewoben und genäht werden. Fast ununterbrochen lief der in der Küche aufgestellte Webstuhl. Zu den absoluten Pflichten einer  Hausfrau in Bessarabien gehörte das Weben. Es war ein „MUSS“ dieses Handwerk frühestmöglich an die heranwachsende Tochter weiterzugegeben und das Handwerk zu erlernen.  Seit dem Sommer warteten Berge an bereits gewaschener Schafwolle auf ihre Veredelung und die unterschiedlichste Verarbeitung. Strickkleidung, Häkelarbeiten, Steppdecken, handgewebte feine Stoffe, Läufer, Fußteppiche und Klöppelarbeiten mussten daraus hergestellt werden. Unermüdlich reihte sich eine Arbeit an die andere.

Die Hände der Bäuerin und Töchter fanden im Winter keine Ruhe.

Bei all ihrem Einsatzes verstanden es die Frauen in Bessarabien dennoch herrliche und unvergessene Winterabende zu arrangieren. Verabredungen, teilweise mit dem Ehemann und dem Spinnrad oder dem Strickzeug unter dem Arm, bei Freunden, Nachbarn und Bekannten wurden am Abend mit gebratzeltem Mais (in heißem Sand gebratene Maiskörner) und beim Sonnenblumenkörnernknacken sehr genossen.  Gered wurd über des und sell“ und vor allen Dingen wurde das eine oder das andere Lied gesungen. So z. B. folgendes: „Ich bin das ganze Jahr vergnügt.….“ etc.. Spätestens, wenn die Uhr dann 22 oder 23 Uhr angezeigt hatte, verabschiedete man sich in dem Bewusstsein „wieder einen schönen Abend verbracht zu haben“.

Unerschütterlich und getragen von Hoffnung und Glauben, fest verankert in ihrem deutschen Gemeinwesen von „Dahoam, dem Großdeutschenreich“, lebten und arbeiteten die Bessarabiendeutschen in der Fremde, bis zu ihrer Umsiedlung, im Jahre 1940. https://www.facebook.com/christa.hilpert.7

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Bessarabien im Winter

Wintervergnügen in Bessarabien

Bessarabien im Winter

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Das man mit einem baldigen Wintereinbruch rechnen musste, erkannte man an den schnell hervorgeholten Karakulfellmützen der Bauern. Väterchen Frost wollte Einzug halten! Über Nacht hatte sich der Übergang vom Spätherbst zum Winter vollzogen. Ein eisiger Ostwind aus der weiten Steppe Russlands fegte ungebremst in die Kolonien. Dieses vollzog sich innerhalb von wenigen Tagen und verwandelte „Bessarabien im Winter“ zu einer Oase der Ruhe. Schon nach wenigen Tagen brach reichlich Schnee und Eis über die Dörfer und Felder herein und hüllte Bessarabien in ein weißes Kleid.

Viel zu hart war die Arbeit innerhalb des Jahres und nun wo die Feldarbeit ruhte freute man sich auf eine kurze Atempause und ein wenig Freizeit zum Kräftesammeln.

Das Wintervergnügen konnte beginnen. Dazu zählte auch das „Schlittenfahren“ . mit ihren stärksten und schönsten Pferden. Dick eingepackt mit Pelzmütze, Fahrpelz und speziellen Filzstiefeln lenkte der Bauer sein Pferdegespann durch den harschen Schnee.

Des Bauern ganzer Stolz sind seine Pferde

Ein besonderer und für viele unvergessener Zauber ging von den abendlichen Schlittenfahrten aus. Bei Mondschein und einem über und übervollen Sternenhimmel mit unzähligen weiten und ganz nahen Sternen, Sterne wie leuchtende Diamanten, glitt der Schlitten lautlos und von des Bauern schönsten Pferden gezogen, durch die schneebedeckte Landschaft. Nur ein zartes Glöckchen an eines der Pferdegeschirre befestigt klang durch die Nacht.

Gern und voller Stolz präsentierte sich der Bauer mit seinen schönsten Trabern in der Öffentlichkeit. Mit der Bäuerin und den Kindern machte er so gern Familienbesuche in den Nachbarkolonien.

Spaß für Jung und Alt

Seiner oft großen Kinderschar widmete sich der Bauer an Nachmittagen mit einer närrischen Schlittenfahrt durch das Dorf.

Ebenfalls in große Pelzdecken gehüllt zeigten die großen und kleinen Fahrgäste mit einem breiten Grinsen ihre Freude an diesem Wintervergnügen, in Bessarabien im Winter.

Pferde- und davon hatte der Bauer mindestens zwei bis zehn oder mehr, waren sein bester und treuester Freund. Er verwöhnte sie mit bestem Futter und widmete sich der Pflege ihres glänzendes Felles.

Dieses Statussymbol vergleiche ich mit dem heutigen Stolz junger Männer oder Familienoberhäuptern jeden Alters, über ihren geliebten Fahruntersatz unserer Zeit.

Unvergessene Tage verbrachten die Kinder im Schnee tummelnd auf dem Hof oder mit dem Schlitten auf der Straße. Auf den zugefrorenen und sich durch das Tal schlängelnden Flüssen vergnügten sich die Größeren beim Schlittschuhfahren.

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Silvester in Bessarabien

Was an Silvester in Bessarabien mit einem Abendgottesdienst mit Abendmahlfeier in ihren Kirchen geschah, war ein nicht nur feierliches sondern auch sehr eindrucksvolles, erhebendes und hohes rituelles Erlebnis.

Silvesterstimmung in einer KolonieAufbruch an Silvester in einer Kolonie

Um das „Heilige Mahl“ am letzten Abend des Jahres zur Vergebung der Sünden zu empfangen und um Kraft für das neue Jahr zu schöpfen, traten in ihren Gotteshäusern alle in schwarz gekleideten Frauen und Männer unter Kerzenlicht nach vorn an den „Altar Gottes“.

Kurz vor Mitternacht versammelten sich die Gemeinden erneut in demutsvoller Haltung auf dem freien Vorplatz ihrer Kirche.

Einsatzbereit hatte sich der Kirchenchor auf dem großen Treppenportal des Gotteshauses aufgestellt. Hoch droben im Kirchenturm wartete ebenfalls die Musikkapelle auf den Start.

Kurz vor Mitternacht war es dann soweit! Die Blaskapelle hatte ihren Einsatz. Vom Kirchturm herab und weit über das Land hinaus erklang das Jahresausklangslied.

Unter lautem Glockengeläut erfolgte nun die Verabschiedung des alten Jahres. Demutsvolle Stille prägte die Versammlung während der anschließenden Schweigeminute .

Zwölf gewaltige Glockenschläge drangen durch die ergreifende Stille und eine weitere Schweigeminute folgte der Ersten.

Silvester in Bessarabien

Unter dem Einsatz von nun allen Glocken wurde das „Neue Jahr“, begleitet von lautem Chorgesang, willkommen geheißen.

Im stillen Bewusstsein der „Gnade Gottes“ wurde in großer Hoffnung das neue Jahr begrüßt.

Unter den Eindrücken von der Verabschiedung des alten und dem Beginn des neuen Jahres verabschiedeten sich die Versammelten nach den allgemeinen Neujahrswünschen und traten den Heimweg an.

Der Ausklang dieses heiligen Rituals erfolgte im Familien- und Freundeskreis, bis zu dem letzten Jahrzehnt vor der Umsiedlung, in ernster Besinnung.

Die Jugend und die Jäger ballerten und knallten auch in unserem Bessarabien um die Wette. Dazu dienten selbstgefertigte Knallvorrichtungen, Schlüssel mit Nagelstöpseln oder Bolzen und Salpeter mit darin selbstgemachtem Pulver. http://www.bessarabien.blog/vorfahren-weihnachten-in-bessarabien/

Nur die Jugend feierte in der Neujahrsnacht im engeren Freundeskreis. Allerdings aber nur in wenigen Kolonistendörfern.

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Die für das neue Jahr überbrachten Glück- und Segenswünsche wurden am Neujahrstag von Besuchern aus den Nachbardörfern im Haus erwartet oder man begab sich selbst in befreundete Häuser.

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Vorfahren. Weihnachten in Bessarabien

So feierten unsere Vorfahren Weihnachten

Das verschneite Kirchenportal in Arzis lädt ein zur besinnlichen Einkehr, zum Weihnachtsfest Weiße Weihnacht in BessarabienVorfahren   -Weihnachten in Bessarabien. Lebensformen wirken oftmals mehr als Gesetzesparagraphen im Zusammenleben verschiedener Völkerschaften, wie in Bessarabien. Religiöse Menschen haben Wertevorstellungen und diese nehmen eine wichtige Rolle in ihrer Lebensgemeinschaft ein. So war das Denken und Handeln in Bessarabien von tiefer Religiosität geprägt. Ihre Kirchen bildeten stets die größten Erhebungen in ihren Dörfern. Von ihren Kirchentürmen rief bis in die weite Steppe hinaus tief und dunkel die große Glocke, dann folgte die mittlere und zuletzt die kleinste mit ihrem hellen Ton.

Ein ganz besonderer Höhepunkt in dem so arbeitsreichen Leben waren die Weihnachtsfeiertage für alle Familien in Bessarabien. Die Adventszeit war besonders für die Kinder eine lange Zeit der Vorfreude auf das Weihnachtsfest. http://www.bessarabien.blog/silvester-in-bessarabien-2

Aber auch für die Erwachsenen half die Freude auf ihr schönstes Fest des Jahres ihr schweres und arbeitsreiches Leben zu ertragen und über so manche Sorgen innerhalb des Jahres hinweg. Dann konnte man ausruhen und die Verwandten besuchen, gutes Essen kochen und Kekse für die Liebsten backen. Dafür wurde wirklich in vielen Häusern gespart! Wenigstens an Weihnachten wollte man füreinander da sein. Dann machte man gern Ausflüge mit dem Pferdeschlitten und Besuche von Haus zu Haus. Aber vor allem war es ein Fest für ihre in großer Anzahl vorhandenen Kinder. Wenngleich das Angebot an Spielzeug nicht so reichhaltig war und so aufwendig wie bei uns, so gab es doch viele Dinge die ein Kinderherz erfreuten. Puppen, Tiere aus Porzellan und Stoff, Wiegen, kleine Möbel und vieles mehr…

Es war eine ereignisreiche und geheimnisvolle Zeit. Bereits im Oktober wurden Gänse und Schweine für das Fest geschlachtet. Im Dezember wurde wirklich einen ganzen Monat mit dem großen Backofen gebacken und gekocht. In jedem Haus duftete es nach Weihnachten, denn bis zu 15 Sorten Beigeles wurden in der Weihnachtsbäckerei hergestellt.

Einen Adventskranz haben unsere Kolonisten damals nicht gekannt. Die Weihnachtsgeschenke von „Doda und Döde“, den Paten, wurden von den Kindern sehnsüchtig erwartet. Auf den Tannenbaum wollte man aber nicht verzichten.

So war für so manchen kleinen Buben zwischen vier und sechs Jahren das Reitpferd der höchste Wunschtraum gewesen. Mit großer Ausdauer und Liebe wurde so ein Pferd entweder vom Vater selbst oder unter Mithilfe eines geschickten Bastlers aus Holz gefertigt und dann mit Kalbsfell bezogen. 

Weihnachtszauber in Bessarabien

Der Anblick des glanzvoll geschmückten Weihnachtsbaumes in der Kirche oder Zuhause verzauberte die Kindergesichter und ließ diese hell erstrahlen. Das Erscheinen des Christkinds mit seinem weißen Kleid und Schleier war der Höhepunkt des „Heiligen Abends“ und wurde herbeigesehnt, denn es läutete die Bescherung ein. Rasselnde Kettengeräusche draußen vor der Haustür trieben so manchem Kind große Schauder über den Rücken. Es war der gefürchtete Pelzmärte – „ein roher Geselle“. Den braven Kindern legte er Äpfel und Nüsse unter das Fenster. Erst wenn die Kinder seinen Besuch unbeschadet überstanden hatten konnten sie sich voller Freude ihren Geschenken und all den Kostbarkeiten, wovon man das ganze Jahr geträumt hatte, hingeben. Der erste Weihnachtstag war geprägt von Gottesdienst und Krippenspiel der Schüler. Am zweiten und dritten Weihnachtstag besuchte man sich gegenseitig und bewirtete die Gäste mit allem, was das jeweilige Haus hergab.

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Arzis

Torbogen am Fiedhof in Arzis/Bessarabien . Der Torbogen mit der Inschrift wie einst vor der Umsiedlung ist wieder aufgestellt                      

Arzis, Kolonie No. 14

am Tschaga und Kogälnik

Arzis/Bessarabien. Die Kolonie No. 14 an der Eisenbahnlinie von Leipzig bis Akkerman-Odessa.
Mit seinem einst dominierenden Markt, den Fabriken, Handwerksbetrieben und der Landwirtschaft war Arzis ein wirtschaftlich bedeutender Flecken in Bessarabien. Der alte Marktflecken Arzis war das Gebietsamt.

Ebenfalls bildete die Waisenkasse den Mittelpunkt für die Dörfer Teplitz, Paris, Brienne und Gnadental. Arzis war das Zentrum von elf ehemaligen deutschen Muttergemeinden wie u.a. Alt Elft, Neu Elft, Paris, Friedenstal, Neu Arzis und Brienne.

Zur Erinnerung an den Sieg der verbündeten Mächte über Napoleon bei Arcis in Frankreich 1816, erhielt die Steppe No. 14 ihren Namen „Arzis“ zur Gründung.          Nur langsam wichen die Ansiedlerhütten aus Lehm und Strohgeflecht den mit Rohr gedeckten Steinhäusern in der Kolonie No.14.

Erst nach den furchtbaren Heimsuchungen durch die Pest im Jahre 1829 und die Cholera im Jahre 1831 erfolgte der wirtschaftliche Aufschwung mit der inneren Erneuerung der Ansiedler.

Wegen der Bodenbeschaffenheit und Lage begann man in der Kolonie Arzis mit Wald-, Obst- und Rebenbepflanzungen. Gute Ernten waren die Folge, zufriedenstellend die Qualität der Früchte und des Weines.

4290 Deßjatinen / 5362,80 Hektar Land gehörte den Alt-Arzisern. Dieses bewirtschafteten sie mit Fleiß und Sparsamkeit und ermächtigte sie zum Kauf von 660 Deßjatinen fruchtbaren Ackerlandes auf der Bulgarensteppe, die weit bessere Ernten erbrachte.

Als Marktflecken war Arzis über die Grenzen Bessarabien bekannt. An Markttagen strömten von allen vier Himmelsrichtungen aus Wolhynien, Rumänien und Bulgarien die Wagen heran. Lebhaftes Markttreiben an jedem zweiten Dienstag des Monats und später sogar an jedem Dienstag. Es war der größte Pferdemarkt in ganz Südbessarabien. Die „hell klingenden“ Teplitzer Wagen waren in ganz Südrussland bekannt.

Arzis unter Wasser

Fast alljährlich trafen zwei Steppenflüsse der Kogälnik mit seinen über die Ufer getretenen Wassermassen aus Leipzig kommend und der Tschaga wie ein reißender Gebirgsstrom aus Klöstitz mit ihren gefährlichen Wassermassen in Arzis/Bessarabien  aufeinander. Mit tosender Gewalt Eisschollen, Balken, Stroh und Maisstengelschober mit sich führend versetzten sie die friedliche Kolonie Arzis in Angst und Schrecken und hinterließen große Verwüstung.

Arzis/Bessarabien. Die Kolonie No. 14 an der Eisenbahnlinie von Leipzig bis Akkerman-Odessa

Mit ihrem guten Geschäftssinn erbauten die Arziser nach dem Ersten Weltkrieg  Geschäfts- bzw. Verkaufshäuser, wodurch gute Pachteinnahmen durch ihre Vermietung und die Einnahmen von Standgebühren durch die Marktständler erzielt werden konnten.

Den Gemeindegliedern brachten diese Wirtschaftseinnahmen große Entlastungen, sodass die Gehälter der Pfarrer und Lehrer sowie sonstige Abgaben fortan von diesen zusätzlichen Einnahmen beglichen werden konnten.

Arziser Bahnhofsgebäude

BahnticketEisenbahnticket von Arzis nach Odessa für Christa Hilpert-KuchBahnticket von Arzis nach Odessa für Christa Hilpert-Kuch

Hilpert-Kuch löst sich ein Bahnticket-  am Bahnhof Arzis

Einen kolossalen wirtschaftlichen Aufschwung brachte der Bau der Eisenbahnlinie von Leipzig bis Akkerman im Jahre 1915. Arzis/Bessarabien bekam eine eigene Bahnstation.

Erfolgreich bahnte Arzis seinen Weg zur einer Wirtschaftsmacht, Industriezweige entwickelten sich aus dem Handwerk.

Mit seinen Millionenumsätzen hatte der Wirtschaftsverband ab 1920 seinem Sitz in Arzis und somit das wirtschaftliche Zentrum des deutschen Siedlungsgebietes.

Vertreten mit Industrie und Handel, Fabriken zur Herstellung landwirtschaftlicher Maschinen, Tuchfabrik und Färberei, Weberei, chemisches Labor, Tuchhandlung, Kurzwaren-, Uhren- und Musikfachgeschäft, Metzgereien, Lebensmittelgeschäft und Buchhandlungen.

Kirche Arzis

Bis zur Einweihung der ersten Kirche im Jahre 1838 wurde der Gottesdienst in Bauernhäusern abgehalten.

Erst im Jahre 1880 wurde eine geräumige Kirche im romanischen Stil mit 800 Sitzplätzen und einer großen Orgel erbaut. Die unübersehbaren Mauerpfeiler zur Einfriedigung der stattlichen Kirche sind heute noch zu besichtigen.

Ebenso gehörte die Männerabteilung des Sarataer Alexander-Asyls zu Arzis. Das Männer-Asyl wurde im Jahre 1886 in Arzis errichtet und 1940 im Jahre der Umsiedlung erweitert.

Eine hohe Priorität in Arzis/Bessarabien hatte das  fördernde Schulsystem. Bis zur Errichtung der ersten Schule im Jahre 1834 wurde in den Anfangsjahren in Bauernhäusern der Unterricht abgehalten. Schon im Jahre 1842 wurde diese erste Schule durch eine größere mit einer Lehrerwohnung ersetzt. Erweiterungsbauten folgten dann im Jahre 1859 und im Jahre 1891 mit einer zusätzlichen Küsterwohnung. Für sämtliche Lehrer wurde je eine eigene Wohnung errichtet.

Pastorat

Ein Beschluss der Gemeinde im Jahre 1930 führte zu einem mitten im Dorf erbauten großen Schulgebäude mit sechs Klassen.

Eine beachtliche Anzahl von 17 Lehrkräften wurden im Jahre 1940 gezählt. Hinzu kam in den Räumen des ehemaligen Gebietsamtes die „Landwirtschaftliche Schule“ für die Ausbildung junger Bäuerinnen und Bauern in Bessarabien

Mit Tatkraft und Weitblick und einer fast ununterbrochener Bautätigkeit erlangte Arzis/Bessarabien seine Größe und Bedeutung.

 

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Brienne

Brienne – Bessarabien

Ein Blick vom Brienner Berg

Heimat meiner Eltern und Großeltern

Inmitten eines überwältigenden Ausblicks vom „Brienner Berg“ über die kraftvolle und weite Steppenlandschaft des Budschaks erstreckt sich die Kolonie Brienne am Steppenfluss Kogelnik.

Prächtige Weingärten und fruchtbare Obstgärten rechts und links der breiten Chaussee mit den dahinterliegenden einst weißen aus dem Muschelkalkstein der Brienner Steinbrüche erbauten Häusern, mit den weißen Hofmauern prägten einst das Landschaftsbild.

Hof in Brienne

In greifbarer Nähe dahinter nur durch den Kogelnik getrennt liegt im Tale die Nachbarkolonie Arzis. Die häufigen Überschwemmungen des immer wieder über die Ufer tretenden Kogelniks konnten die Brienner im Gegensatz zu den Arzisern unbesorgt aus ihrer Anhöhe betrachten.

Der Name Brienne sowie Arzis leitete sich von den gewonnenen Schlachten durch die Verbündeten gegen Napoleon im Jahre 1812 ab.

Unter dem Aufruf Katharina der Großen und Zar Alexander erfolgte im Jahre 1816  die Gründung Briennes, eine baumlose Steppe „Nr. 15“ für die Schwarzmeerdeutschen.

Der Notbehelf ihrer Erdhütten wich bald massiven Steinhäusern durch den Abbau im eigenen Steinbruch der Brienner Berge.

Die Einnahmen des Steinbruchs für den Hausbau in dieser Kolonie und den unmittelbaren Nachbarorten verhalfen der Gemeinde zu einem guten Einkommen. Lehm bzw. Batzenbauten gehörten in Brienne bald weitestgehend der Vergangenheit an.

Ein zwischen vorderer Hofmauer und Wohnhaus angelegtes Blumengärtchen schmückte ihre Häuser.

Jeder Hof hatte eine Größe von 232 m Länge und 47 m Breite. Eine Hof- und Straßenmauer zog sich vor der mehr als 20 Meter breiten Dorf-Chaussee von Hof zu Hof und wurde nur durch die jeweiligen Hofeinfahrten mit verschließbaren Toren unterbrochen. Die Wohnhäuser mit anschließenden Wirtschaftsgebäuden lagen nur einige Meter von der vorderen Hofmauer getrennt. Eine hintere Hofmauer sicherte den Hof vor Eindringlingen.

Außerhalb dieser Umzäunung befand sich der Dreschplatz, die Spreuhütte und der Strohschober mit dem Gemüse-, Obst- und Weingarten in evtl. Hanglage Richtung Arzis.

Auf jeder Straßenseite der Chaussee begrenzte eine Reihe Akazien einen zwei Meter breiten Bürgersteig.

Die etwa zweitausendfünfhundert m lange Dorfstraße, vom Ober- zum Unterende, führte bergab zu dem Russendorf Pawlowka, bergauf in das Schwabendorf Teplitz und über den Berg nach Neu Brienne.

Mit ihrem Steinbruch besaß Brienne 5560 Hektar Land, sodass die ersten 84 Ansiedlerfamilien jeweils 60 Hektar Land erhielten.

Die Anhöhe Briennes bot alle Voraussetzungen für guten Obst und Weinanbau aber ebenso spielte die Pferdezucht eine ausschlaggebende Rolle und war oft wirtschaftlich lukrativer als die Landwirtschaft. Man sagt, nur von den Friedenstalern konnte die Pferdezucht übertroffen werden.

Beruflicher Wirkungsort meines Vaters August Kuch,  als Schreiber im Rathaus Brienne

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde durch den wirtschaftlichen Umschwung vom graublauen Steppenrind auf das das Rassevieh eine beträchtliche Neueinnahme verzeichnet.

Diese Erneuerung steigerte die Milchproduktion und ebnete den Weg zur Gründung der Molkerei- und Milchgenossenschaft „Danemarka“. Mein Großvater Eduard Schell aus Brienne war im Nebenerwerb als Landwirt Angestellter dieser Molkerei.

Aber auch im Handwerk wurde ein wirtschaftlicher Aufschwung verzeichnet. Dreizehn Tischlermeister, vier Schmiede, drei Schlosser, acht Schuster, sieben Schneider, sechs Maurer, drei Böttcher, ein Drechsler und ein Uhrmacher wurden im Jahre 1940 in Brienne gezählt. Die zwei Kolonialgeschäfte im Ort gereichten den Briennern insofern, dass man wie selbstverständlich mit einem Gang in den nahegelegenen Marktflecken Arzis alle seine Einkäufe erledigen konnte.

Kurganhügel in Brienne

Im Jahre 1839 wurde mit dem Bau einer Kirche begonnen. Durch den Ausbruch der Pest musste der Kirchenbau bis zum Jahre 1849 zwangsläufig gestoppt werden.

Die Einweihung dieser Kirche verzögerte sich bis zum Jahre 1852 und war durch die zwischenzeitlich stark angewachsene Bevölkerung schon zu wieder klein.

Ein neuer Kirchenbau war finanztechnisch nicht möglich, da die 9000 Rubel aus dem Kirchenbaukapital im Jahre 1904 in ein allen Anforderungen entsprechendes neues und großes Schulgebäude investiert wurden. Ein Erweiterungsbau auf dem Schulhof, die Küster- und Küstergehilfenwohnung, wurde von der Gemeinde im Jahre 1908 fertiggestellt.

Erst im Jahre 1934 wurde in Brienne der Grundstein für einen großen und teilweise im gotischen Stil gehaltenen Kirchenneubau gelegt.

Der Rohbau mit den eingesetzten Fenstern war mit 1,5 Millionen Lei abgeschlossen.

Da kam im Jahre 1940 die Umsiedlung…. !

Als Hauptgemeinde gehörte Brienne seit der Gründung des Kirchspiels zu Arzis.

Auch heute noch ist die Schule eine Augenweide in der Dorfmitte.

Die alten Dielenbretter aus deutscher Zeit, der alte Ofen im Klassenzimmer und der Nuschnik auf dem Schulhof ist deutsche Geschichte. Fleißige Ukrainer sorgten für den Erhalt des wunderschönen Gebäudes unserer Ahnen und gaben ihm einen leuchtenden Anstrich.

Auf einer Anhöhe oberhalb des Gässles liegt der ehemalige deutsche Friedhof. Verborgen zwischen hohem Gestrüpp und Buschwerk befinden sich die Gräber unserer Ahnen. Einige Grabsteine liegen verstreut am Abhang.

Über die Jahrzehnte hat die Witterung die Lesbarkeit der Inschrift beeinträchtigt, aber nicht unmöglich gemacht.

 

Sehr viele Häuser haben durch den soliden Steinbau die Zeit gut überlebt. Mit einem Brienner Ortsplan ist es kein Problem die ehemals deutschen Anwesen den früheren Besitzern zuzuordnen.

Viele Brienner Gesichter nach der Umsiedlung 1940, im Lager in Westpreußen

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Handwerk im „Bauernland Bessarabien“

Landwirtschaftliche Geräte

Landwirtschaftliche Geräte im „Bauernmuseum Kelm“ in Friedenstal Bessarabien

Handwerk  im  „Bauernland Bessarabien“

Erst in den 1840-er Jahren, den schwierigsten zwei Jahrzehnten nach der Ansiedlung, löste der eiserne Pflug den hölzernen für den schweren Boden ab. Vor allen anderen Volksstämmen verfügten die deutschen Kolonisten in Russland über diese neue eiserne Errungenschaft zur Arbeitserleichterung. Das Handwerk:  Noch wurde mit der Hand gesät. Aber die ersten Sä- und Mähmaschinen zählten erst in den 1870-er Jahren durch das Handwerk  zum festen Bestandteil der Bauernhöfe. Sie lösten dann auch die Sichel und die Sense auf dem Feld ab.

In Anbetracht der hohen Anforderungen an die Landwirtschaft mit der Erzeugung aller Rohstoffe für Kleidung, Nahrung und Wohnung der Kolonisten, nahm die Entwicklung in der Folge der Ansiedlungsjahre im Handwerk einen kolossalen Aufschwung. Unterschiedliche Gewerke bildeten sich.   Es sprudelte nur so von Ideen und Erneuerungen im Handwerk und eine ebenfalls aus dieser Not geborene Technik erfasste die Industrie. Das Gewerbe stieg explosionsartig an.  Weit über die Landesgrenzen hinaus waren die Erzeugnisse des deutschen Handwerks in Russland gefragt. Insbesondere die Wagenbauer von Teplitz, Alt Posttal und Wittenberg waren während der russischen Zeit über Südrussland und die Krim bis in den Kaukasus hinein bekannt. Gefolgt von den Gabelmachern von Paris und den Leitermachern aus Neu- und Alt-Elft.

Die Windmühle war zur Zeit der Ansiedlung bekannt. Die deutschen Kolonisten versuchten aber schon sehr früh, diese durch Pferde oder Bodenmühlen zu ersetzen. Da aber die Dampfmühle von den Kolonisten bevorzugt wurde konnten diese sich nicht durchsetzen.  In der Gemeinde Beresina befand sich mit 10 Walzenstühlen die zweitgrößte Mühle Bessarabiens, gefolgt von der Gemeinde Arzis. In den meisten Mühlen befand sich auch eine Oelpresse. Die größten Mühlen waren in Chisinew, Akkermann, Ismail u.a..

Das Handwerk: Gewerbe und Industrie besaßen sehr gute Entwicklungsmöglichkeiten

Kleinbetriebe wie Branntweinfabriken (Weizenbrennereien, Obst- und Weintraubenbranntwein, Brauereien, Sägewerke, Gerbereien, Töpfereien, Ziegeleien u. m.) konnten sich entfalten.  Ebenfalls bildeten sich Kleinbetriebe, wie Mechanikerwerkstätten in der Metallverarbeitung.  Allerdings nur drei große namhafte Fabriken für landwirtschaftliche Maschinen zählte Bessarabien zu der Zeit der Umsiedlung im Jahre 1940.

Viele Tuchfabriken entstanden um die Jahrhundertwende und zogen eine ansehnliche Zahl von Walkereien und Färbereien nach sich. Dort wurde die heimische Wolle aus der umfangreichen Schafhaltung verarbeitetet.

Weinverarbeitung in der Ausstellung im „Bauernmuseum Kelm“ in Friedenstal

Weinpressen, Traubenmühlen, Putzmaschinen, Maissetzer, Maisrebbler und Mähmaschinen wurden in kleineren deutschen Maschinenfabriken hergestellt.       Den Mittelpunkt der deutschen Industrie in Bessarabien bildeten die Gemeinde Tarutino gefolgt von Arzis und Sarata.

Diese „unsere Vorfahren“  bestanden eine beispiellose handwerklich- und technische Herausforderung und wurden damit zur „tragenden Säule Bessarabiens“.

Mit dem Ziel der Allgemeinheit den Reichtum Bessarabien zu zeigen fand bereits im Jahre 1925 in Chisinau eine bedeutende landwirtschaftliche Industrie-ausstellung durch die Handelskammer Chisinau statt. Mit einem ungeahnten Erfolg wurden über 300 000 Besucher registriert. Die Ausstellung konnte dadurch beachtlich zur Belebung der ökonomischen Bindungen mit den anderen Landesstellen Rumäniens beitragen.

Webstuhl in Bessarabien

Webstuhl im „Bauernmuseum Kelm“ in Friedenstal

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Bessarabien: Wirtschaftswunder-Landwirtschaft mit 82 Prozent der Bevölkerung

Die bäuerlichen Wirtschaftsbetriebe durchlebten unsägliche Not

dennoch machten sie Bessarabien zur „Kornkammer Europas“

Der Landwirtschaft in Bessarabien „Ehre und Anerkennung“

S. u. Auszug aus meinem Vortrag in Verden/Aller, am 10. Dez. 2017.

Christa Hilpert-Kuch

Bessarabien: Wirtschaftswunder-Landwirtschaft mit 82 Prozent der Bevölkerung. Völlig im Zeichen der Landwirtschaft, stand die wirtschaftliche Gliederung in Bessarabien. Für die einzelnen Handwerke und die spätere Industrialisierung in Bessarabien legten die Erfahrungen und Entdeckungen des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts den Grundstein. Im Jahre 1930 bei einer Berufszählung waren 82% der bessarabischen Bevölkerung hauptsächlich in der Landwirtschaft tätig und übten teilweise begleitend oder hauptberuflich verschiedene handwerkliche und industrielle Berufe aus. Es folgte das Handwerk mit 12.8 Prozent, die Industrie mit 1,99 Prozent, geistige Berufe mit 1,60 % und der Handel war mit 0,85% vertreten.

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Der bäuerliche Wirtschaftsbetrieb

 

In Bessarabien war Landbesitz nicht nur Lebensquell, sondern auch Statussymbol. Bessarabien: Wirtschaftswunder-Landwirtschaft mit 82 Prozent der Bevölkerung. Einen der ältesten und lebenswichtigsten Wirtschaftsbereiche stellte auch dort die Landwirtschaft dar. Sich selbst mit den Bedürfnissen des Tages zu versorgen ist die Aufgabe der Urwirtschaft eines Volkes. Was Kleidung, Nahrung und Wohnung anbelangt, ein breites Feld. Das mit Hausfleiß oder Hauswerk umschriebene primitive industrielle Betriebssystem, welche der Kleinindustrie zuzuordnen ist, wurde die tragende Säule in Bessarabien. Durch die Vielfalt der bäuerlichen Erzeugnisse erforderte sie vom Bauern und seiner gesamten Familie ein hohes Kenntnismaß sowie einen hohen körperlichen Einsatz. Die bäuerliche Vielfalt machte Kinderarbeit unumgänglich. Mit der Erzeugung von Rohstoffen durch die Landwirtschaft wurde die Herstellung der für die Bekleidung, hauptsächlich aus den tierischen Produkten wie Leder, Pelz und Wolle sowie dem aus Flachsfasern hergestellten Leinen notwendige Produkte für die Menschen ermöglicht.

In der Landwirtschaft war von frühmorgens bis spätabends Saison. Dieses erforderte den ganzen Einsatz der Bauern und Bäuerinnen.

Bessarabien: Wirtschaftswunder-Landwirtschaft mit 82 Prozent der Bevölkerung.

Bepackt mit dem benötigten Pferdefutter, mit dem Saatkorn, dem Dreischarpflug, der großen Egge mit eisernen Zinken und einem großen Wasserfass ging der Bauer im Frühjahr mit zwei Pferdewagen auf die teilweise 20 Km entfernten Felder. Sorgfälltig war in der Steppenkiste das Essen für einen ganzen Tag verpackt. Der getöpferte Milchkrug und der Weinkrug durften nicht fehlen.

Nach einem harten Arbeitstag kamen des Abends todmüde der Bauer, die erwachsenen Söhne und die Knechte vom Felde zurück. Der Hofhund erkannte am Klang des Kolonistenwagens das Nahen seines Herren, und sein Bellen kündigte der Bäuerin das Kommen ihrer Leute an.

Nach dem Abendbrot hatten der Vater und die Söhne noch einiges zu tun. Für den nächsten Tag musste das Saatgetreide gerichtet, die Ackergeräte, das Pferdegeschirr und die Wagen überprüft und notfalls in Ordnung gebracht und die Pferde versorgt werden. Zur Ruhe kam man erst spät abends.

Bessarabien: Wirtschaftswunder-Landwirtschaft mit 82 Prozent der Bevölkerung. Gerste, Mais, Senf, Hafer, Sommerweizen, Sonnenblumen, Rizinusbohnen und Soja sowie Klee und anderes Grünfutter als Frühjahrssaat brachte der Bauer in wenigen Wochen in den Boden.

Viele Arbeiten in Hof und Garten und das Schneiden der Weinreben waren zwischendurch auch noch zu erledigen. Dreimal umgesetzt, getrocknet und für den Winter als Brennmaterial eingeschobert werden musste derweil der Mist, nachdem er zuvor ausgebreitet, gewalzt und später gestochen und aufgestellt wurde.

Schon im zarten Alter von sechs Jahren wurden die kleinen Jungen und auch die Mädchen zur Feldarbeit herangezogen. Durch die Pflanzenreihen mit dem Welschkornpflügele lenkten sie als Ausreiter ihr Pferd.

Die härteste und schwerste Zeit des Jahres war für den Bauern die Dreschzeit.

Wenn Anfang Juli die Getreideernte begann die Getreideernte, surrte und ratterte die Mähmaschine den ganzen Tag. Die Pferde wurden ausgewechselt, denn die Maschine musste unentwegt im Einsatz sein. Über drei bis vier Wochen wurden pro Tag etwa vier bis sechs Hektar gemäht.

Das Rollen der hinausfahrenden Erntewagen, auch Harbiwagen genannt, fing schon frühmorgens um zwei Uhr an. Um 7.30 Uhr morgens kamen die Erntewagen hochbeladen gemächlich wieder in den Hof hineingefahren.

Bessarabien: Wirtschaftswunder-Landwirtschaft mit 82 Prozent der Bevölkerung. An dem Dreschtag wurde das Getreide am Dreschtag auf dem Dreschplatz ausgebreitet und mit drei Dreschsteinen von je zwei Pferden gezogen und ausgedroschen. Mit Dreschsteinen hat sich das herkömmliche Dreschen bis zur Umsiedlung in vielen Gemeinden gehalten. Jedoch schon vor dem Ersten Weltkrieg wurde auch die Dreschmaschine eingeführt, was zu einer wesentlichen Verkürzung der Dreschzeit beitrug.

Die ersten Weintrauben waren schon Anfang August reif, Mitte Juli die Wasser und Zuckermelonen. In der Glut konnten auch in dieser Zeit die ersten Maiskolben gebraten oder in Salzwasser abkocht genossen werden.

Im September nahm für zehn bis zwölf Tage die Kürbis und Mais- (auch Welschkornernte genannt) in Anspruch und daran schloss dann direkt die Weinernte an.

Bessarabien: Wirtschaftswunder-Landwirtschaft mit 82 Prozent der Bevölkerung. Um das Ausbringen der Wintersaat in den Boden und das Umpflügen der Stoppelfelder musste sich der Bauer vor Wintereinbruch kümmern.

Kalte Winter in Bessarabien brachten schon Anfang Dezember den ersten Schnee. Vom reichen Schneefall hing eine gute Ernte ab, denn er schützte die Wintersaaten vor dem Ausfrieren und sicherte außerdem die notwendige Bodenfeuchtigkeit.

Auf keinem Bauernhof durfte der Hofhund fehlen. Ein guter und treuer Hüter von Haus und Hof und für die Kinder ein Freund und Beschützer.

Mit einer großen Gänseschar waren die Bauernhöfe ebenso bevölkert. Meist waren es 30-60 Stück an der Zahl. Praktisch erfolgte die Gänsehaltung wegen der Federn und Daunen.

In fast allen Familien wurden in Bessarabien auch Hühner, bis zu teilweise 100 Stück, in Bessarabien gehalten. Die Hühnerhaltung bildete einen Nebenzweig des Landwirtschaftlichen Betriebes.