Tarutino

Ankunft in Tarutino

Historische Ereignisse, erfordern besonderen Einsatz. Seinerzeit auf Recherche als Redakteurin für das Mitteilungsblatt des Bessarabiendeutschen Vereins e. V. führte mich, Christa Hilpert-Kuch, mein Weg im August des Jahres 2014 nach Bessarabien, zur 200-Jahrfeier nach Tarutino. Mit dem Flugzeug reiste ich von Hannover nach Chisinau und mit dem Bus weiter von Moldawien über die ukrainische Grenze nach Tarutino.

In der Ukraine im Jahre 2014, betrat ich ein Land im Kriegszustand! Kriegerische Auseinandersetzungen waren schon dem Jahre 2014 vorausgegangen und wechselten von den Rebellionen auf dem Maidan in Kiew zu den anhaltenden Kämpfen an der Ostgrenze mit Russland. Dunkle Schatten dieser Kriegsereignisse wirkten in die Feierlichkeiten „200 Jahre Tarutino“ hinein. Dennoch war an diesem Festakt „Tarutino 200 Jahre“, die heutige Bevölkerung mit einem großen Interesse und einer bewundernswerten Gastfreundschaft engagiert beteiligt. Historische Quellen berichten, dass im Budschak zehn umherziehende moldauische Hirten mit ihren Herden lebten. Diese hatten das Steppenland von der russischen Krone gepachtet und mussten es danach wieder zurückgegeben. In diesem Gebiet wurde im Jahre 1814 von der russischen Kolonialbehörde, neben Tarutino auch Borodino und Krasna als erste deutsche Gemeinde gegründet. Die deutschen Kolonisten kamen in eine nahezu menschenleere Steppenlandschaft. Wie in ganz Bessarabien spielten die Landwirtschaft und die Handwerksbetriebe dabei eine wichtige Rolle.  Zunehmend übernahm Tarutino eine immer mehr zentrale Funktion für die Bessarabiendeutschen.

Tarutino wurde das Zentrum der evangelisch deutschen Christen in Bessarabien.

Hier wurde das erste evangelische Kirchspiel gegründet, welches sich später zum Sitz des Oberpastors mit Konsistorium und der Synode der evangelisch-lutherischen Kirche in Bessarabien entwickelte. Diesem folgte die Entstehung des Bildungswesens. Auch zwei der drei höheren Schulen, die zum Abitur führten und damit einen direkten Zugang zur akademischen Bildung ermöglichten, waren in Tarutino. Ebenfalls wirtschaftlich entwickelte sich die Kolonie vielfältig. Erwähnenswert der große Pferdemarkt, der schon im Jahre 1912 über 12.000 Besucher anlockte und die bedeutende Textilindustrie mit der 1888 gegründeten Tuchfabrik Rudolf Bannasch sowie die Gründung der ersten „Deutschen Zeitung Bessarabiens“. Mit der Gründung des Deutschen Volksrates in Bessarabien im Jahre 1920, wurde Tarutino auch das politische Zentrum. Zahlreiche weitere Industriebetriebe, Brauerei, Färberei, Spinnerei, Gießerei, Dampfmühle, Ziegelei, Druckerei sowie Molkereien und Läden für Schuhe, Glas, Kurzwaren, Leder, Banken und Buchhandel im Einzelhandel, siedelten sich gefolgt von einem kulturellen Leben mit Sport- und Bildungsvereinen an. Durch die Umsiedlung der Deutschen aus Bessarabien, im Rahmen des Hitler-Stalin- Paktes, wurde der weiteren Entwicklung Bessarabiens durch deutsche Bewohner ein politisches Ende gesetzt.

Tarutino zur 200-Jahrfeier

Noch vor Beginn des offiziellen Festaktes wurde durch Pastor i. R. Arnulf Baumann mit einem Freiluftgottesdienst an die Besiedlung Bessarabiens und Gründung Tarutinos vor 200 Jahren, wie einst in der Steppe, erinnert. Er gedachte der Einwanderer und Gründer der ersten bessarabischen Gemeinden Tarutino, Borodino und Krasna und wie es ihnen nur durch die Kraft ihres Glaubens gelang, die Steppe urbar zumachen und die Gründung von weiteren 22 bessarabiendeutschen Muttergemeinden und über 120 Tochtergemeinden zu vollziehen. Die ankommenden Kolonisten erlebten:

Bessarabien ist auch – Gottes Erde“ und Gott ist auch in der Steppe für sie erreichbar. Gott ist überall. Mit diesem Wissen wurde ihnen der Himmel und die Steppe Bessarabiens „zur neuen Heimat“. Und ein weiteres Mal erfuhren sie Gott als Helfer und Beistand in der schwierigen Zeit ihrer Umsiedlung im Jahre 1940 und der schrecklichen Flucht 1945.

Heimatlied der Bessarabiendeutschen

   Festakt 200 Jahre Tarutino

Mit einer Schweigegedenkminute an die Gefallenen im Osten der Ukraine, eröffnete der Bürgermeister der Stadt Tarutino (Iwan Kurutsch 2014) im großen Kulturhaus mit Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Bevölkerung eine beeindruckende Jubiläumsveranstaltung. Mit Ansprachen, Ehrungen Tanz- und Musikbeiträgen, feierte ein sehr großer Teil der heutigen Bevölkerung gemeinsam mit denen aus Deutschland angereisten Gästen die Gründung „Tarutinos vor 200 Jahren“. Dabei wurde nichts vergessen, an alles wurde bedacht und entsprechend gewürdigt. Heute leben in Tarutino in den ehemaligen deutschen Häusern überwiegend Familien bulgarischer, russischer und ukrainischer Herkunft. Ihr Interesse an der Vergangenheit deutscher Geschichte ist groß.

Hoch oben am Hang schaut der deutsche Friedhof direkt auf Tarutino hinunter. Hier ruhen unsere Ahnen. Bei einem Besuch bin ich hocherfreut über die vielen Grabsteine mit Inschriften ehemaliger deutscher Kolonisten.

Friedhof der Ahnen

Ich lernte Tarutino als eine offene, bunte und lebendige Stadt mit vielen freundlichen Menschen kennen. Bei einem Gang durch den Ort am Tage vor dem Jubiläum, hatte ich sehr viele wunderbare Begegnungen mit der Bevölkerung. Einen großen Teil dieser liebenswerten Menschen traf ich am Jubiläumstag, zur unserer gemeinsamen Freude wieder. Für mich klang ein gemeinsamer Tag mit der heutigen dort lebenden Bevölkerung erst am späten Abend fröhlich aus.

KolonistenhausHeutige Bevölkerung in Tarutino

Ehemaliges Kolonistenhaus mit original Hofmauer

Wenn ich mich zu fortgeschrittener Stunde aufmachte meine Schlafstätte außerhalb des Hotels aufzusuchen, führte mich stets mein Weg unter Millionen von strahlenden Sternen, Sterne zum Greifen nah, durch den Ort Tarutino. Noch heute habe ich dieses nächtliche Himmelszelt Bessarabiens vor meinen inneren Augen. Unauslöschlich, im Gedenken an meine Ahnen, wirkt es in mir nach.

Der Himmel über Bessarabien

Der Himmel Bessarabiens am Tage

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Werner-Schule in Sarata

Werner-Schule in Sarata

Kolonistenschulen III

Fortsetzung vom 19. Juni 2018

Krasna-die Volksschule

Erste Priorität hatte in den Schulen der Kolonistendörfern fortan die rumänische Sprache, die rumänische Geschichte und Erdkunde. Recht erfolgversprechend auf beiden Seiten zeigte sich anfänglich das geforderte doppelsprachige Unterrichtssystem, in deutsch und rumänisch..Durch die politische Konstellation des Landes und durch außenpolitische Einflüsse kam es oft zu einem gänzlichen Verbot der deutschen Sprache. Jedoch gelang es immer wieder bessarabischen Volksvertretern durch Eingaben und Vorsprachen im Ministerium für nationale Erziehung diese Entscheidungen rückgängig zu machen.

Bessarabiens damaliger Oberpastor und Abgeordneter Daniel Haase erwarb sich in dieser Hinsicht große Verdienste.

Er wurde von den Rumänen geschätzt und geachtet. Sein Bekanntheitsgrad gereichte weit über die Grenzen Bessarabiens und Rumäniens hinaus. Auf diese Weise strebte man in den Schulen nach kollegialen Verhältnissen, sodass bald häufig ein freundschaftliches Miteinander zwischen deutschen und rumänischen Berufskollegen entstand. Oft wurden von den Schulräten und Oberschulräten beide Augen zugedrückt um den Deutschunterricht stillschweigend zu gestatten.

In eine moderne Pädagogik wurde mit einem erneuten Schulprogramm 1936 und 1938 eine Berufsschule mit soziologischen Prinzipien, die so immer mehr den Charakter einer Lern und Erziehungsschule erhielt, umgewandelt. Sie wurde mit ihren praktischen Werten immer mehr zur Schule des Lebens.

Das deutsche Lehrerseminar in Sarata, die bekannte Werner-Schule,

Noch zu besichtigen: Die Ruine der Werner-Schule in Sarata.

benannt nach dem Stifter Christian Friedrich Werner, war der Mittelpunkt der Lehrerschaft in Bessarabien und überließ Bessarabien jährlich so um 20 ausgebildete Lehrer. Zur zaristischen Zeit musste die erste Lehrerprüfung an russischen Schulen abgelegt werden. Hingegen zu rumänischer Zeit wurde diese Prüfung nach Beendigung der sechsten, später der siebten und in den letzten Jahren in der achten Klasse der Werner-Schule, vor einer Prüfungskommission aus Vertretern des Staates und der Fachlehrer abgelegt. Bedeutend schwerer war die zweite Lehrerprüfung. Diese erfolgte zusammen mit rumänischen Lehrerkollegen und wurde in sämtlichen Fächern in  rumänischer Sprache an einer rumänischen Lehrerbildungsanstalt abgelegt. Erst nach bestandener zweiten Prüfung konnte eine Anstellung auf Lebenszeit erfolgen. Schulpflichtig war ein jedes Kind ab dem siebten bis zum 14. Lebensjahr. Diese sieben Schuljahre waren in zwei Stufen unterteilt. Die Grundschule (1. bis 4. Klasse) und Oberstufe (5. bis 7. Klasse).  Ihre Aufnahmeprüfung zu weiterführenden Schulen, das Lehrerseminar oder Gymnasium konnten die Schüler nach der vierten Klasse absolvieren.

Odessa Zeitung -swesen hob das Schulniveau in den Kolonistendörfern

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